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Grüne Selbsterkenntnis

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„The grass is always greener on the other side“ kann man so schön in englischer Sprache sagen und auf Deutsch der saftigen Grünheit des Anderen auch tagtäglich begegnen. Denn wie sich die in Worte verwandelten Erlebnisse meines Gegenübers zu einer Erzählung zusammenfinden, gleicht im Farbton beinahe schon einer Almwiese im Hochsommer, während mein eigener Erzählungs-Konter eher in der herbstlichen – um nicht zu sagen winterlichen – Version daherkommt. Drei Fragen werfen sich in Folge bei mir auf:

1) Ist mein Leben vielleicht langweilig?

2) Bin ich schlicht und einfach unfähig, ein Erlebnis in schöne Worte zu kleiden?

3) Oder sind die anderen möglicherweise Aufschneider?

Tagelang, wochenlang, nein eigentlich schon so lange, dass Zeit nur mehr ein schwammiger Begriff ist, bin ich auf der Suche nach einer schlauen Lösung für das mir selbst gestellte Problem und werde doch nicht fündig, wo ich suche. Und plötzlich wird mir die heiß ersehnte Antwort förmlich ins Gesicht gesungen.

An einem sonst eher unschuldig anmutenden Abend entführte mich ein seit der fatalen Problemstellung als Aufschneider Verdächtigter ins Theater. Dort wurde dann auch aufgeschnitten, zur Abwechslung jedoch nicht aus dem Munde meines Begleiters, sondern direkt auf der Bühne. Dort sezierte man das Leben einer 34 jährigen Frau, zerteilte es mit einer derartigen Akribie, dass selbst das kleinste Detail nicht entfleuchen konnte. Was sich nach meiner Beschreibung vielleicht nach der Geburt des Splatter-Theaters anhört, war in Wirklichkeit ein auf zehn Jahre angesetztes Projekt des Nature Theaters of Oklahoma. Über diese Zeitspanne hat sich das Ensemble zum Ziel gesetzt, das Leben jener Dame vom post-natalen Geburtsschrei bis zur 34. Jährung dieses Gebrülls, von der Bühne des Lebens wegzuholen und auf die Bühne des Theaters zu zerren. Und zwar in seiner pursten Form, mit allen ähhs und uhms, mit allen noch so stinklangweiligen Streitereien und Weltuntergängen im Kindergarten, mit anderen Worten: mit allem was dazu gehört. Bei Ihnen wirft sich jetzt wahrscheinlich eine Frage auf:

1) Warum würde ich das sehen wollen?

Und ich bin in der äußerst beglückenden Lage, Ihnen eine Antwort geben zu können, ebenso wie mir eine Antwort geben zu können auf meine Fragen und somit vier Fliegen und Fragen mit einem Streich zu schlagen. Man will es sehen, weil man dann endlich begreift, dass ein jeder eine ordentliche Portion Normalität und Eintönigkeit auf seinem Lebensteller hat und dass es nur darauf ankommt, den Verzehr dieser beiden Lebensgrundzutaten so zu schildern, dass man selbst, so wie andere, Freude daran hat. Die Form des Nature Theaters of Oklahoma war dabei besonders drastisch, denn in einer beinahe zweistündigen Gruppentanz-Choreographie stellten sie singend die Ereignisse der zarten Jahre 8-14 dar. Meine Begeisterung für diesen Abend schwappte zwar nicht dermaßen über, dass ein meinen Erzählungen Lauschender nun gleichzeitig spastische Bewegungen meines Körpers über sich ergehen lassen muss. Aber der Tanz findet jetzt in meinem Kopf statt, denn dort beginnt die Grünheit, die derjenigen auf der anderen Seite gar nicht mehr so unähnlich ist.

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