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Der Mann im Garten

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Die kleine Wohnstraße ist ruhig geworden. Nette gepflegte Häuser liegen verschlafen hinter Hecken und hohen Bäumen versteckt. Es sieht aus, als würden sich die Gebäude hinter wucherndem Grün ducken. Die Kinder, die hier einst tobend und lärmend durch die Gärten gezogen sind, wohnen hier nicht mehr. Sie sind alle bereits erwachsen und auf der Suche nach Beruf und eigener Familie haben sie diese paradiesische Vorstadtidylle verlassen.

Auch Anna, 80 Jahre alt, bereits seit mehr als 20 Jahren Witwe, lebt hier allein in ihrem hübschen weiß gestrichenem Einfamilienhaus. Sie ist froh und dankbar, dass ihre körperliche Konstitution so zufriedenstellend ist, dass sie in ihrem Haus, in dem sie mehr als ihr halbes Leben wohnt, verweilen kann. Ihren Haushalt hat sie perfekt im Griff. Alle Aufgaben ihres täglichen Lebens gehen ihr noch problemlos von der Hand. Manchmal dauern ihre Aktionen zwar etwas länger, aber Zeit ist ihr geringstes Problem.

Ihre Kinder mit ihren Familien besuchen sie oft, teils regelmäßig aber auch spontan. Ihr Zusammentreffen ist so abgesprochen, dass nicht alle Familienmitglieder auf einmal aufkreuzen, denn es soll möglichst immer der Kontakt zur Mutter und Oma im Vordergrund stehen.

Das einzige, was Anna nicht mehr so gut bewältigen kann, ist die Gartenarbeit. Der Garten, einst das Hobby ihres Mannes, seine Rückzugsmöglichkeit aus seinem stressigen Berufsalltag, wurde von ihm gehegt und gepflegt. Es war immer sein ganzer Stolz. Solange Anna körperlich dazu in der Lage war, hatte sie sich der Aufgabe gestellt, doch jetzt ist es einfach zu viel für sie. Besonders das Bücken fällt ihr schwer. Große Gartenaktionen hatte ihr Sohn immer übernommen. Doch sein berufliches Engagement ließ die körperlichen Mammutaktionen später auch nicht mehr zu. Allein im Herbst das Entsorgen der riesigen Mengen Laub schien eine schier unlösbare Aufgabe zu werden. So gerne sich alle der Gartenarbeit gewidmet hätte, aber circa 1000 Quadratmeter Garten waren nicht so einfach zu bewältigen. Die Pflanzenwelt begab sich auf den Vormarsch und langsam wurde vieles vom Efeu einfach überwuchert. Es wurde nur noch der Rasen gemäht, der zunehmend vom Moos durchzogen wurde.

Für Anna wurde Gartenarbeit gleichgesetzt mit Rasen mähen. Dieser Aufgabe wurde sie nämlich immer noch alleine gerecht. Sie liebte es, mit dem elektrischen Rasenmäher, der sehr leicht zu bewegen war, eine Reihe nach der anderen abzuschreiten und den Rasen zu kürzen. Ihr Arzt hatte ihr viel Bewegung verordnet und so betrachtete sie es als therapeutische Maßnahme. Wenn sie keine Lust mehr hatte, machte sie einfach eine Pause und setzte oftmals den Schnitt erst nach Tagen fort. Alle boten ständig ihre Hilfe an, aber Anna, hielt ihre Familie geschickt davon ab. „Wenn ihr mich besucht, dann sollt ihr nicht arbeiten. Ich möchte mich mit euch unterhalten. Lasst uns erzählen, lasst mich an eurem Leben teilhaben, diskutieren, das ist wichtiger als ein ordentlicher Garten,“ sagte sie.

Es kam der Zeitpunkt, da stand ihre Tochter staunend vor einem recht ordentlich gemähten Rasen, entrümpelten Gartenecken und einem fachgerecht aufgerollten Gartenschlauch. Harken, Kannen, Besen und Spaten waren ordentlich weggeräumt. Anna war sehr zufrieden und erzählte ihrer Tochter, dass sie jetzt „einen Mann im Garten“ habe. Die Vorschläge ihrer Kinder, einen Gärtner zu beauftragen, hatte sie immer ausgeschlagen. Ein nachbarschaftlicher Plausch am Gartenzaun hatte die Empfehlung zur Folge, dass Paul, zwar kein gelernter Gärtner, aber zuverlässig, fleißig und ordentlich jetzt mit der Gartenpflege beauftragt war. Der vereinbarte Stundenlohn war akzeptabel. Sie zählte einige Nachbarn auf, bei denen Paul auch den Garten machte. Alle waren zufrieden und voll des Lobes. Paul ein rüstiger Frührentner hatte sich in der überschaubaren Wohnstraße einen Kundenstamm aufgebaut. Und da die meisten seiner Kundinnen alleinstehende Damen waren, übernahm er auch noch die Grabpflege der besseren Hälften.

Annas Tochter kündigte ihren Besuch an, wurde aber abgewimmelte mit den Worten: „Paul ist da, es ist Gartenpflegetag, da hab ich nicht viel Zeit für dich.“ Sie ging trotzdem hin, denn sie war neugierig auf Paul. Alle Türen waren verschlossen, auch die Terrassentür, die so gut wie immer offen stand. Sie brauchte gar nicht zu fragen, warum die Türen alle verschlossen waren. Ihre Mutter antwortete gleich auf die nicht gestellte Frage. „Ich will den Kerl nicht im Haus haben. Ich regele alles mit ihm durch das Esszimmerfenster. Ich kann ihm vor hier aus ganz gut erklären, was ich gemacht haben möchte. Heute soll er hauptsächlich das Laub entsorgen“. Paul, kräftig und durchtrainiert, mit wasserstoffblond gefärbten kurzen Stehhaaren, hatte sich lässig den großen Laubsauger über die Schulter gehängt und mit ohrenbetäubendem Lärm pustete er die Blätter vor sich her. Später klopfte es an die Scheibe.“Frau, ich bin fertig, wollen sie mal kontrollieren?“ Annas Tochter grinste, „wie redet der dich denn an, ohne Hausnamen?“ fragte sie ganz erstaunt. „Ich nenne ihn Paul und er nennt mich Frau.“ Anna warf einen Blick auf die Uhr, gab dem „Mann im Garten“ sein Geld, lugte kurz um die Ecke um einen Blick in ihre grüne Oase werfen zu können und nahm den Schlüssel des Geräteschuppens entgegen.

Fritz, ihr verstorbener Mann, hatte an Gartengeräten ob elektrisch oder nicht so gut wie alles angeschafft und fein säuberlich und ordentlich im Geräteschuppen gelagert. Viele Werkzeuge waren noch original verpackt und warteten auf ihren ersten Einsatz. Paul hatte also Zugriff auf viele Arbeitserleichterungen. Am nächsten Donnerstag, war wieder Gartentag und Karin besuchte ihre Mutter. Paul nickte ihr freundlich zu, während er versuchte mit einer großen Harke das Laub, das er am letzten Donnerstag unter die Sträucher geblasen hatte wieder hervor zu harken. Müllsäcke lagen bereit, in die die Blätter gestopft werden sollten. Dann klopfte es an die Scheibe. „Frau, Sie können jetzt kommen und die Säcke aufhalten.“ „Wie, die Säcke aufhalten? Du gehst doch wohl nicht in den Garten und hilfst ihm, das soll er mal ganz schön alleine machen,“ entfuhr es Karin. Paul bekam nach abgeleisteter Arbeitszeit sein Geld, hatte zwei blaue Müllsäcke mit Laub gefüllt und den Rest, weil er es heute im Kreuz hatte und sich so gut bücken konnte, wieder unter die Sträucher zurück geblasen. Anna hatte jetzt für sechs Arbeitsstunden gezahlt und zwei Säcke mit Laub hinter der Garage stehen. Die Nachbarn beschwerten sich, da ein großer Teil des Laubes durch den Maschendrahtzaun geflogen war und sie bezahlten Paul auch noch einmal dafür, dass er ein und dasselbe Laub am nächsten Tag wieder in Annas Garten zurück pustete.

Anna hatte es immer gerne ordentlich vor der Haustür. Sie schnappte sich mehrmals am Tag den Besen und fegte die Blätter zusammen, die sich zwangsläufig immer wieder einfanden, weil sie eben so eingebettet in die Natur, lebte. Sie erzählte, dass sie schon mehrmals mit dem Wasserschlauch den Eingangsbereich hat abspritzen müssen, da ihr guter teurer Besen verschwunden sei. „Frag doch mal Paul,“ riet ihr Karin, „wer weiß, wo er ihn abgestellt hat.“ Der Besen blieb verschwunden. Den Auftrag, ihr aus dem Baumarkt einen neuen mitzubringen zog sie zurück. Paul hatte Anna angeboten seine guten Kontakte zu einem Gartengerätelieferanten zu nutzen, und das gewünschte Modell kostengünstig mitbringen.

Karin steckte sich einen permanent Filzschreiber in die Handtasche und nach einem weiteren Besuch bei ihrer Mutter, trugen die Gartengeräte den Namen des Eigentümers. Einige Wochen später war der neue Besen wieder verschwunden, und Paul sorgte nochmals für Ersatz. Diesmal offerierte er Anna ein gebrauchtes Modell, jedoch tadellos in Form und dazu noch ein Markenprodukt. Er stellte den Besen ordnungsgemäß in den Geräteschuppen und rechnete die gebrauchte Neuanschaffung mit Anna ab. Als sie ein paar Tage später vor der Haustür fegen wollte, musste sie feststellen, dass sie ihren eigenen Besen von Paul zurück gekauft hatte. Der Schriftzug war eindeutig. Doch beweisen ließ sich seine Trixerei natürlich nicht.

Als die Obstbäume, von denen sie drei hatten, einen Apfelbaum, einen Pflaumenbaum und einen Birnbaum, gegen Ungeziefer besprüht werden mussten, aktivierte Paul die Obstbaumspritze, die Fritz damals angeschafft hatte, die aber noch nie benutzt worden war. Paul besorgte das Insektizid auf Annas Rechnung, bereitete die Mischung zu und nahm sich ihre drei Obstbäume vor. Er holte sich zwar die Genehmigung, das Gerät auch in den Nachbargärten an den anderen Wochentagen zu nutzten, aber wie sich später herausstellte, berechnete er den Nachbarn nicht nur seine Arbeitszeit, sondern auch eine Leihgebühr für die Obstbaumspritze und stellte das Insektizid allen Nachbarn in Rechnung, das eigentlich gesichert in der Garage in Annas abschließbaren Schrank hätte stehen müssen.

Da seine kleinen Gaunerei nicht geahndet wurden, versuchte er jetzt seine Verdienstspanne in bezug auf die Zeit zu erhöhe. Er rechnete immer mehr Arbeitszeit ab, als er anwesend war und wurde sehr derb in seiner Ausdrucksweise und ungehalten, wenn er mit seiner Forderung nicht durchkam. Sein Auftreten schien geplant, und bei Anna schaffte er es, ihr ein unangenehmes Gefühl zu vermitteln. So richtig Angst hatte sie nicht. Sie sagte immer spaßig: „dem möchte ich aber auch nicht nachts begegnen.“

Paul benutzte ständig Annas Gartengeräte in den Gärten der Nachbarn und sie vertraute darauf, dass er alles wieder mitbrachte. Natürlich ging sie nicht von Haus zu Haus und fragte, ob ihre Rosenschere bei Müllers liegen geblieben sei und die Heckenschere bei Mayers. Es fehlten immer mehr Dinge, sicherlich auch solche, von denen Anna gar nicht wusste, dass sie sie besaß.

Die Herbstbepflanzung auf dem Friedhof war an der Reihe. Paul hatte das Grab von Fritz mit einer stattlichen Anzahl Pflanzen bestückt. Als Anna anmerkte, dass er sehr viele Pflanzen gekauft habe, die er da gerade abrechnen wollte, und ihrer Meinung nach so viele auf dem Grab gar keinen Platz hätten, erdreistete er sich, Anna auf die lange gute Ehe hinzuweisen, die eine so üppige Bepflanzung ja wohl rechtfertige. Als sie dann nachmittags von einer netten Dame der Friedhofsgärtnerei angerufen wurde, die ihr mitteilte, dass die Grabbepflanzung ihres Mannes Tags zuvor noch andere Gräber geziert hätte, fand Anna endlich den Mut sich von ihrem „Mann im Garten“ zu trennen und ihre Nachbarn taten es ihr gleich.

Während Paul seinen all inklusive Urlaub in der „Dom. Rep.“ genoss, wurden in Annas ruhiger Wohnstraße Bestandsaufnahme gemacht. Die Gartengeräte wurden gezählt, überprüft und teilweise ausgetauscht.

Paul machte noch einen Versuch, braun gebrannt und erholt seine Arbeit im Frühjahr wieder aufzunehmen, aber die Gartentore seiner alten Kunden blieben ihm verschlossen. Der Gauner musste sich einen neuen Wirkungskreis erschließen.

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Kommentare

Angiej So kann es kommen - die Geschichte klingt sehr authentisch und ist, wie immer, supergut geschrieben. LG
31|03|2011, 11:34

Lilly Der Mörder ist immer der Gärtner ;-))
20|03|2011, 20:38

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