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Der Berni

Du verstummst. Stehst schweigend da, vor dem Stück Lebensteppich, den er vor dir ausrollt. Starrst auf die Löcher, die Flecken, die Risse, auf dieses Stück Grauen, das sein junges Leben ist. Kannst nichts ändern, nichts flicken, nichts reinigen, nur entsetzt erkennen, dass du dieses Lebensgewebe bloß fassungslos anstarren, nicht aber in einen wertvollen Perser verwandeln kannst. fragst ihn, hörst ihm zu, sagst hilflose Dinge, verstehst ihn so unendlich gut, weißt, dass er weiß, wie verschlissen sein Teppich ist, drückst ihm etwas Garn in die Hand, wickelst dich in dein eigenes Tuch - und gehst.

Hast das Bild dieses Lebens vor Augen, in dem er bis zum Hals drin steckt, tief genug um das raue Tuch auf seiner Haut zu fühlen, und nicht so tief, dass er nicht sehen könnte, wie beschädigt und verdorben es ist.

Wie viele haben mitgewebt an diesem Teppich-, Eltern, Lehrer-, und ihn gleichzeitig zerrissen, zerschnitten, zerfetzt.

Und auch er dreht sich um, geht. Geht hinein in dieses Chaos aus Nichts, Einsamkeit und Ausweglosigkeit. Kämpft sich durch mit Drogen, die er nimmt, mit Drogen, die er verkauft. Er ist weniger kaputt, als die, die ganz kaputt sind. Er ist nicht so ganz unten, wie die, die ganz unten sind. Aber er ist kaputt und er ist unten.

Ich weine, weil ich woanders bin. Ganz woanders. Sie tut weh, diese Ungerechtigkeit.

Ich wurde nicht geschlagen, ich hatte keinen betrunkenen Vater, ich bekam eine Schulbildung, ich wurde sanft in dieses Leben gewiegt.

Er wurde gestoßen, getreten, geschlagen. Er wurde verstoßen, er wurde verschlagen.

Väter, die ihren Kindern mit Eisenstangen die Handgelenke brechen, Söhne, die ihre Väter durch Glastüren treten. Und dann sitzen sie im Gefängnis, weil sie keine Chance hatten. Und dann verlassen sie das Gefängnis und haben keine Chance. und weil sie keine Chance haben, kommen sie ins Gefängnis.

Und ich kann nichts tun, außer ihm zuhören, mich daran erinnern, dass er einige Jahre mein Schüler war, und zögernd in mein Leben zurück kehren.

Beschämt, bestürzt und ganz still.

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Kommentare

  • Warum ich Sonderschullehrerin geworden bin.......
    Jetzt bin ich nicht mehr ganz so jung und unerfahren und leider nicht mehr ganz so bei der Sache...
  • "Der Berni"
    Ich treffe ihn nach Jahren wieder und kann mich nur daran erinnern, dass er einige Jahre mein Schüler war....
  • Es "lebe" die Integration!
    Ich bin seit 34 Jahren Sonderschullehrerin, davon 16 Jahre in Integrationsklassen. Seit diesem Schuljahr Gott sei Dank nicht mehr. Diese Geschichte ist ein kleiner Blick hinter die Kulissen....
  • Der Baum
    Ich liebe Bäume. Sie waren immer schon stille Begleiter meines Lebens...
  • Sein Lächeln
    Solche Schicksale gibt es wirklich.....
  • Jahreszeiten
    Warum "nur" Frühlingserwachen? Für mich erwachen alle Jahreszeiten....

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