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Die Stoffkönigin

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Modepionierin VESNA gehört zu den wenigen, die Textildesign noch als Kunsthandwerk verstehen. Beim Besuch in ihrem Wohnatelier erzählt sie von bösen Hobbits, Emanzipation und Rebellion.

Es fühlt sich an wie ein Kurzurlaub in einer anderen Zeit, einer anderen Dimension. Im Zeitlupentempo verdichten sich einzelne Häuser zu Siedlungen und Ortschaften, um dann wieder Platz zu machen für gefrorene Wiesen, Äcker und Wälder.

Je tiefer wir das mystische Waldviertel erkunden, desto seltner nimmt man die Spuren menschlicher Zivilisation wahr. Sogar die Thaya hat ihre sprudelnden Lebensgeister an Väterchen Frost verschenkt und neckt mit einem starren, eingefrorenen Antlitz, welches uns am Weg Richtung Primmersdorf nicht mehr so schnell verlassen wird. Zwischen Drosendorf und Raabs an der Thaya versteckt sich dieses schüchterne „Örtchen“, gerade einmal drei Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt und – so zumindest der erste Eindruck- mitten im Nirgendwo. Landkarten besagen jedoch genau das Gegenteil: Die soeben zurückgelegte Strecke hat eine Burgen-Dichte wie kaum wo in Österreich. Ja, dieser Landstrich hier strotzt nur so von Geschichte: Ganze sechs Burgruinen befinden sich auf den elf Kilometern zwischen Drosendorf und Raabs und warten darauf, erobert zu werden.

Die Schlosstür steht offen, also treten wir ein und werden von einem alten Glockenturm begrüßt, der sich tapfer den Eindringlingen entgegenstemmt und den Weg Richtung Hof und Hauptbau markiert. Bevor wir dorthin gelangen, weist eine urige Holztafel den Weg zum Atelier unserer Gastgeberin: VESNA Design, Pfeil nach links. Also tapsen wir am vereisten Fußweg ein paar Schritte weiter, vorsichtig, langsam und bedacht.

Von Wackelkandidaten und zeitloser Klassik

Ein paar Augenblicke später öffnet sich die Tür. „Ich bin John“, so stellt sich der rauchende Herr mit dem undefinierbaren Akzent vor, und führt durch die Werkstätte hinauf in den ersten Stock. Über eine Holzwendeltreppe gelangen wir dort hin. „Achtung, die vierte Stufe ist kaputt“, sagt John und dämpft dann seine Zigarette aus. Natürlich erwischen wir beim Treppensteigen genau den einen Wackelkandidaten. Hoppala.

Im oberen Geschoß angelangt, treffen wir dann Vesna, unsere Gastgeberin. Vor gut zwanzig Jahren hat sie Schloss Primmersdorf gekauft, um für ihre expandierenden Textilwerkstätte, damals noch in Wien angesiedelt, ein ebenbürtiges Zuhause zu schaffen.

„Moment, noch nicht fotografieren“ sagt Vesna, steckt mit einem geübten Handgriff ihr weißes, glattes Haar nach oben und schnappt sich ihre Krücken. Noch geschwächt von einem Oberschenkelhalsbruch bewegt sie sich Richtung Stoffsessel, lässt sich fallen und beginnt sichtlich erleichtert zu erzählen, während John in der Küche Teewasser aufsetzt.

Die Lebensgeschichte unserer 75-jährigen Gastgeberin würde vermutlich mehrere Bücher füllen. Vesna ist Designerin, Kunsthandwerkerin, Freigeist, Ex-Schlossherrin, Modemacherin und Textilpionierin. Und sie hat noch einiges vor. Richtungsweisend auf jeden Fall war die Gründung von Vesna Design im Federlhof der Wiener Innenstadt. Als Werkstatt für Design, Ornamentik und Stoff-Handdruck gegründet, fand sich dort eine Hand voll Künstler rund um Vesna zusammen, um sich von einer übermächtigen Textilindustrie zu emanzipieren und dem Handwerk frei nach Walter Gropius’ und William Morris neues Leben einzuhauchen.

Dem traditionellen Begriff des Handwerks-Künstlers folgend, stellte man sich

gegen eine maschinelle und mechanische Herstellung kunstgewerblicher Gegenstände. „Wir wollten gegen den vorherrschenden Trend rebellieren und unabhängig von Industrie unsere Arbeit machen. Einfache Schnitte, individuell bedruckte Stoffe, zeitlos und klassisch“, so beschreibt Vesna ihr Konzept.

Stinkende Katakomben versus Schlossromantik

Als dann gegen Ende der Siebzigerjahre der Textilindustrie nach einer kurzen Hochblüte in der Nachkriegszeit endgültig das Licht bzw. der Stoff ausging, und viele große Hersteller ihre Produktion in Niedrigpreisländer verlegten, hatten die Modemacher von Vesna Design natürlich gut lachen. Das Geschäft boomte, ein Großauftrag folge dem anderen. Bald bedruckten sie nicht mehr nur Mode, sondern erweiterten das Repertoire auf Vorhänge, Teppiche, Kacheln und Wandbespannungen, wodurch u.a. viele Banken, Hotels und Restaurants profitierten.

Irgendwann einmal strandete auch „John“ aus Wales in Wien und schloss sich Vesna Design an. John heißt eigentlich Jonathan Roberts, ist Historiker und Maler und sollte bis heute nicht von der Seite seiner Vesna weichen. Mit ihm entwickelte sich das Interieur-Programm um eine malerische Komponente weiter.

Weil das Wiener Atelier fast schon aus allen Nähten platzte und die Stoffdruckerei in den „stinkenden, klaustrophischen Katakomben“ eine permanente Zumutung für jeden noch so motivierten Handwerker war, sehnte man sich immer mehr nach grünen, satten Wiesen, der Natur, und der Stille. Die Suche nach neuen Impulsen fand dann eine romantische Entsprechung im nördlichsten Waldviertel, Primmersdorf. Vesna ergatterte einen zinslosen Kredit, unterschrieb den Kaufvertrag und bezog mit ihren 13 Mitarbeitern das Anwesen. „Das Leben im Schloss war anfangs schon sehr abenteuerlich, ohne Licht, Strom und Heizung“, schmunzelt sie. Produziert wurde in der Werkstätte, der Haupttrakt diente für Präsentationszwecke und jeder suchte sich halt „sein Fleckerl im Schloss“, wodurch nach langwierigen, kräfteraubenden Renovierungsarbeiten letztlich13 Einzelwohnungen entstanden sind.

Gegen den Strom

Allerdings hängte ein Großteil der Mitarbeiter das Abenteuer Landleben nach den ersten Minustemperaturen an den Nagel, was für Vesna Design einiges an Entbehrungen mit sich zog. „Für die Jungen war das schon sehr hart, hier gab’s ja gar nix, bis auf das Schloss und uns.“

Vesna Design lief weiter. Musste weiterlaufen – wenn auch in einem langsameren Modus als in Wien. „Es gab kein zurück mehr, auch wenn man weiß, dass die Katastrophe schon an der Schlosstüre klopft. Da konnte ich nicht einfach den Fernseher aufdrehen und sagen, mich freut’s nicht mehr“, so Vesna, damals und heute allein verantwortlich für sämtliche Agenden.

Die Aufträge wurden weniger und irgendwann einmal sah sich Vesna gezwungen, einen Teil des Schlosses wieder zu verkaufen, das war 1999.

Mittlerweile ist die Produktion fast eingestellt worden, bis auf ein paar wenige Ausnahmen lässt Vesna ihre Textilien in Indien produzieren, „weil dort die Leute stärker mit dem Handwerk verbunden sind“, erklärt sie.

„Je mehr Liebe und Fürsorge wir in die Herstellung von Kleidung investieren, desto wertvoller wird das Produkt. Dieser Gedanke geht dann auch auf den Träger über“.

Mode soll ganz einfach die Schönheit eines Menschen betonen. Zeitgenössische Modefuzzis finde sie aber ganz abscheulich, und „was der neue Modelehrer da an der Angewandten treibt“, verstehe sie schon lange nicht mehr. „Da kann und will ich wirklich nicht mehr mit“, meint sie kopfschüttelend.

Auch John findet die ganze „Anorexic-Girl-Schiene“, wie er sagt, nicht gut.

„Eine Frau muss begreifen, wer sie ist, und die schönen Seiten betonen. Die meisten schauen immer nach den anderen, anstatt in den Spiegel zu blicken“, sagt Vesna dann.

Die jungen Leute müssten viel mehr an sich glauben und nicht gleich die große Panik bekommen, wenn mal nicht alles so nach dem Schnürchen klappt.

John und Vesna wissen, wovon sie reden:

„Schaun’s, wir bin der lebendige Beweis dafür, dass man sehr wohl gegen den Strom schwimmen kann und dabei nicht untergeht“.

Achtung, Waldviertler Hobbits!

Das mit der Weltoffenheit würde ein paar Waldviertlern übrigens auch nicht schaden. „Die Einheimischen verstehen noch immer nicht, was wir da überhaupt machen“, erzählt John später bei einer Tasse Tee.

Was natürlich schade ist, denn seitdem sie den aufwändig renovierten Schüttkasten mit einem Kulturprogramm bespielen, glänzen die Einheimischen vor allem durch eines: Abwesenheit. „Das sind die bösen Hobbits!“ Raabs ist ihre Grenze, alles andere Ausland, lacht er. Um die laufenden Kredite zu bezahlen, sind sie sehr stark auf Gäste im Schüttkasten angewiesen.

„Die Gegend ist wunderbar, aber der finanzielle Druck macht uns schon zu schaffen“. Aber irgendwie wird es schon weitergehen, davon sind beide überzeugt. „Entweder man glaubt dran, oder nicht. Ich hab keine Angst mehr“, sagt Vesna zur Verabschiedung und begleitet uns auf ihren Krücken zur Wendeltreppe.

„Achtung, die vierte von unten!“ Schon wieder zu spät. „Nix passiert!“

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Kommentare

  • Glühbirne im mittleren Osten
    Das Israel ein Land ist, bei dem ein versuchtes Brainstorming versagen würde, kann man nicht behaupten. Seine Erwähnung reicht aus, um eine Lawine an Assoziationen loszutreten.
  • Blut trocknet nicht
    Wofür ist Albanien berühmt? Dafür, dass es mit Moldawien um den Platz des ärmsten Staates in Europa rittert? Für Mutter Teresa?
  • Es hat sich ausgereist
    Gestern wurde ich auf der Straße im wahrsten Sinne des Wortes angetorkelt. Nach einem durchdringenden Blick konnte ich unter der vom Schwips verfärbten Nase...

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