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Jeder hat anders - oder warum ich Lehrerin geworden bin

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Jeder hat anders – oder warum ich Lehrerin geworden bin

Maria Lodjn

„Was möchtest denn du werden,wenn du groß bist?“, wurde ich immer wieder gefragt. „Kinderdorfmutter!“, war meine prompte Antwort. Damals war ich gerade zehn Jahre alt. Zu Übungszwecken nahm ich die verwahrlosten Puppenkinder meiner Geschwister bei mir auf. „Die landen sonst sowieso in der Gosse“, erklärte ich ihnen.

Vier Jahre später hatte ich ein neues Berufsziel ins Auge gefasst. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als Kindergärtnerin zu werden. Es sollte ein Wunsch bleiben. Ich konnte singen, ich konnte zeichnen und es mangelte mir auch nicht an Taktgefühl. Einzig beim Kleben eines Bildes aus Wollfäden ging alles daneben. Ursprünglich galt es, die Wollfäden auf schwarzem Naturpapier anzubringen. Im besten Fall hätte das Bild einem Tier ähnlich sehen sollen. Waren es meine Nerven, oder war es die Qualität des Klebers? Ich weiß es heute nicht mehr. Tatsache war,dass ich über und über, wie einst die Pechmarie mit Pech,mit Wollfäden übersät war. Am Blick der Professorin, die die Prüfung abnahm, konnte ich deutlich erkennen, dass sie definitiv nicht wusste, wer oder was das Kunstwerk war. Nachdem sie mich schlecht in ihre Mappe stecken konnte, entschied sie sich für das fast leere schwarze Blatt.

Lange Zeit hatte ich den Wunsch mit Kindern oder Jugendlichen zu arbeiten ad acta gelegt. Ich maturierte, studierte und brachte meinen Sohn zur Welt. Plötzlich war die Idee wieder da. Ich könnte Lehrerin werden. Kinder hatte ich immer schon gemocht. Würde das ausreichen?

Weder hatte ich besondere Erwartungen, noch bestimmte Intentionen. Zu sehr war ich mit dem Spagat zwischen Hochschule, Kindererziehung und Dazuverdienen beschäftigt.

Nach drei Jahren Studium stand ich dann zum ersten Mal alleine in der Klasse. Es war laut, es war chaotisch und es war alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Mein bloßes Erscheinen brachte die SchülerInnen nicht zum Schweigen. Das Gegenteil war der Fall. Kaum erblickten mich die SchülerInnen am Beginn der Stunde, ging der Wirbel erst richtig los. Auch die Empfehlung meiner Chefin, ich sollte so lange in der Türe stehen bleiben, bis alle sitzen würden, zeigte wenig Wirkung.

Zu tiefst bewunderte ich jene Kollegen, die bei offener Klassentüre unterrichteten. Ich hingegen, war immer heilfroh, wenn ich nämliche Türe hinter mir schließen konnte. So konnte zumindest nicht aller Lärm nach außen dringen. Nicht immer half das. Ab und zu erschien eine Kollegin oder ein Kollege aus der Nachbarklasse, um sich zu vergewissern, dass die Kinder nicht ohne Aufsicht wären. Manchmal passierte es,dass ich die Kollegin oder den Kollegen gar nicht wahrnahm.

Erste Zweifel kamen in mir hoch.

Vielleicht hatte ich doch meinen Beruf verfehlt?

Irgendwann erzählte ich meiner Mutter von den Sorgen und Ängsten, die mich plagten. Sie lächelte nur milde und erinnerte mich an meine eigene Schulzeit. Ich war keine Musterschülerin, meine Hefte waren originell und kreativ. Zu allem Überfluss hasste ich die Schule. Während meiner Schulzeit schienen Angst und Respekt die selbe Bedeutung zu haben. „Der einzige Grund nicht zu einer Lateinschularbeit zu kommen, ist das eingene Begräbnis“, pflegte die Professorin zu sagen. Ein Blick ihrerseits reichte, um das Blut in meinen Adern gefrieren zu lassen. Am liebsten hätte ich diese Stunden mit zugehaltenen Augen unter dem Tisch verbracht. Die Dame, die Leibesübungen unterrichtete, hatte die miese Angewohnheit genau diese Mädchen zu schinden,die ein bisschen pummelig und nicht ganz so wendig waren. „Blade beweg dich!“,war noch das Netteste, das ihr über die Lippen kam. Ich war ihr ausgeliefert.

Ja und dann, dann gab es eine Chemielehrerin. Sie war jung, nett und mochte uns. Wir liebten sie auch. Unsere Sympathie zeigten wir , in dem wir in ihren Stunden laut, lustig und originell waren. Endlich war da eine, vor der wir keine Angst hatten. Keine, die ohne Vorwarnung einen von uns verbal vernichtete. Eine, die uns verstand. Angstfreies Lernen stand auf bei ihr auf dem Programm.

Genau das wollte und will ich auch. Es liegt mir fern, meine Kolleginnen oder Kollegen mit Lehrerinnen aus meiner tristen Schulzeit zu vergleichen. „Jeder hat anders“, hat einmal eine Schülerin zu mir gesagt. Und so war und ist es. Ich hatte anders. Diese Tatsache wiederum veranlasste die Schülerinnen und Schüler, sich bei mir auch anders zu benehmen.Das erste Dienstjahr war für mich eine Herausforderung der besonderen Art. Auch die Jahre danach waren nicht einfach. Aber gemeinsam erstellten wir gewisse Grundregeln. Heute würde man sagen, ich hätte die Kids dort abgeholt, wo sie standen. Und sie mich. Wir arrangierten uns. Jedoch wussten und wissen sie zu jeder Zeit, dass ich sie wertschätze und anerkenne. Sich wohlfühlen in der Schule hat bei mir höchste Priorität. Wer gerne zur Schule geht, der lernt auch gerne. Ich finde es schön, wenn ich höre, dass der Montag ein toller Tag, weil wieder Schule ist. Es stimmt nicht bedenklich, im Gegenteil. Denn genau dann weiß ich, dass mein Konzept aufgegangen ist. Klar, gibt’s auch Tage oder Stunden, in denen ich ausflippe und lauter werde.Betroffene Blicke sind da nicht selten und mit ein bisschen Glück kann ich auch die eine oder andere Synapse klicken hören. Sie denken also nach, überlegen vielleicht , dass sie auch einen Teil der Schuld an meinem Ausrasten tragen. An ihrer Liebe zur Schule ändert das aber nichts.

In weiterer Konsequenz geben Erwachsene, die gerne in die Schule gegangen sind, das an ihre Kinder weiter. Das ist ja auch der Grund, warum ich letztendlich Lehrerin geworden bin. Ich wollte einen Raum schaffen, den jeder freudig betritt. Wo Lernen Spaß macht. Ich bin mir nach wie vor sicher, dass meine Noten um einiges besser gewesen wären, wenn ich mehr Lehrerinnen und Lehrer von der Art der Chemielehrerin gehabt hätte.

LehrerInnen haben einen Bildungsauftrag. Das steht außer Zweifel. Ich komme diesem auch nach. Ich versuche Noten als das zu nehmen was sie sind, nämlich eine Möglichkeit der Beurteilung. Jedoch jenseits von den Zensuren wissen meine SchülerInnen, was ich an ihnen mag. Sercan ist kein Ass in Mathematik, aber die Art, wie er Konflikte löst ist beeindruckend. Für Pakize heißt der Radiergummi auf Englisch immer noch Rudi, aber sie ist die Erste, die zur Stelle ist, wenn sie helfen kann. Sabrina kämpft mit der deutschen Rechtschreibung, aber hat einen Ehrgeiz, der kaum zu schlagen ist. Mit viel Lob und positiver Verstärkung, werden auch diese Kinder am Ende der vierten Klasse halbwegs vertretbare Noten haben. Sie werden vollgepumpt mit viel Selbstvertrauen ihren weiteren Weg gehen. Ob sie nun als Regalbetreuer arbeiten oder studieren werden, ist mir egal. Oberste Priorität ist, dass sie ihr Leben meistern. Tief in meinem Innersten hoffe ich, dass ich die Chance bekomme Pakizes, Sercans und Sabrinas Kinder zu unterrichten. Eine Generation von starken Kindern, die die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Schule und Bildung von ihren Eltern vermittelt bekommen hat.

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Kommentare

Kalliope Ich habe ähnliche Erfahrungen als Schülerin und Lehrerin und finde deine Schilderungen sehr treffend. Vielleicht muss man ein "schlechter" Schüler gewesen sein, um ein "guter" Lehrer zu werden?
28|06|2011, 10:33

Amelie hallo Maria, danke trotzdem für deinen Beitrag und willkommen auf mystory :-)
16|05|2011, 11:20

Maria49 Hundert Mal durchgelesen! Ausgedruckt! Noch mal gelesen! Und trotzdem hat sich ein Fehler eingeschlichen. Sorry!
14|05|2011, 19:08

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