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Fast ein Märchen

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Fast ein Märchen

Lianes letzte Begegnung mit einem entblößten Mann lag fast acht Monate zurück und fand an einem außergewöhnlichen Ort statt. Kurz bevor sie den Ausgang der benachbarten Parkanlage erreicht hatte, stellte sich ihr ein Mann, der allem Anschein nach ein Exhibitionist war, in den Weg. „Sag bist du vollkommen irre?“, herrschte Liane ihn an. „Entschuldigung“, erklärte er und ging einen Schritt zur Seite. Fünf Minuten später schlug Lianes Herz wieder im gewohnten Rhythmus und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Zumindest habe ich seit langer Zeit wieder ein männliches Geschlechtsorgan gesehen“, sagte sie laut zu sich selbst.

Liane war seit sechs Jahren Single, nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Es war eben so und sie hatte sich mit der Tatsache arrangiert, dass es verdammt schwer war einen Mann zu finden, wenn man nicht suchte.

„Kannst du mir erklären Samira“, fragte Liane im Zuge einer Einsamkeitsattacke, „warum es so mühsam ist, den richtigen Mann zu finden?“

Samira, die Katze, hatte Hunger und alles andere war ihr gleichgültig. Weder die Katze, noch Lianes Freundinnen wussten eine Antwort auf diese Frage.

„Ich kann dir schon verraten, woran es liegt.“

Was war das eben gewesen? Hatte Samira endlich sprechen gelernt? Waren sämtliche Monologe, die sie täglich mit ihr führte, doch noch auf fruchtbaren Boden gefallen?

„Samira?“

„Vergiss die Katze!“, sagte die Stimme,„die kann dir nicht antworten. Kann es sein, dass du an hochgradigem Realitätsverlust leidest? Das ist nicht der Vorspann zu Sabrina total verhext.“

Verstört blickte sich Liane um.Es konnte niemand in der Wohnung seines war völlig ausgeschlossen.

„Hier bin ich“, sagte die Stimme, „guck mal auf den Küchenschrank.“ Ach so das ist ja nur Zwerg, dachte sich Liane. Kaum hatte sie diesen Gedanken beendet, schrie sie auf: „Ahhh, ein Zwerg! Hau ab!“ Geschickt wich der Zwerg aus, als Liane versuchte ihn mit Hilfe eines Geschirrtuchs in die Flucht zu schlagen.

„Klug, anspruchsvoll, karrieregeil und gewalttätig“, stellte er fest, „keine gute Kombination. Behandelst du Männer auch so, wenn sie dir zu nahe kommen?“

„Nein! Also zumindest nicht die,die ohne mich zu fragen, in meine Wohnung eindringen. Was genau suchst du hier?“

„Liane, ich bin dein Zwerg“, erklärte er. „Logisch“, Liane konnte einen gewissen ironischen Unterton nicht verbergen, „mein Zwerg. Du könntest ja auch der Zwerg meiner Mutter oder der meiner Großmutter sein.“

„Der deiner Mutter ist bei ihr, und der deiner Großmutter ist schon lange tot“, er nahm seine Mütze ab und hielt kurz inne.

„Jeder Mensch hat einen Zwerg, aber nicht jeder kann oder will ihn sehen. Und bevor du mich zu meiner Verwandtschaft mit Pumukel fragst, der ist eine Märchengestalt und hat rein gar nichts mit mir zu tun.“

Er legte seinen Kopf schief, schenkte Liane ein bezauberndes Lächeln und holte tief Luft: „Was wäre dein größtes, herzerwärmendes Glück?“

Eben war er in Lianes Küche erschienen und schon stellte er Fragen auf die Liane seit Jahren selbst keine Antwort wusste. „Sei mir nicht böse, aber ich habe heute dreizehn Stunden gearbeitet. Ich kann nicht mehr denken.

„Liane, du willst nicht nachdenken. Aber nicht seit heute, sondern schon viel länger.“

Er hatte Recht, das stand außer Zweifel. Wozu sollte sie sich den Kopf zerbrechen, wenn es nichts brachte. Liane hatte Stunden damit verbracht, sich das perfekte Glück auszumalen.Vor dem Einschlafen hielt sie sich die Daumen bis sie weh taten, in der Hoffnung ihre Träume würden in Erfüllung gehen.Sie hatte alle ihre Wünsche, dem Trend folgend, beim Universum deponiert und nichts war passiert.

„Wahrscheinlich ist mein perfektes Glück, dass ich einen tollen Job habe“, antwortete Liane.

„Schönes Glück“,meinte der Zwerg.„Hey!“,protestierte sie,„ich mag meine Arbeit wirklich.“

„Und ich flüstere dir jetzt einmal etwas“, er formte seine Hände zu einem Trichter, „du bist doof.“

„Ja, das bin ich“, lachte Liane, „aber ich lebe nicht schlecht damit.“

„Ihr Menschen seid eigenartig. Fragt man euch nach eurem größten Unglück, dann hört ihr nicht auf zu reden. Zum größten Glück fällt euch nichts ein.“ Liane schwieg und starrte vor sich hin. „Du musst“, er legte sein rechtes Ohr an ihre Brust, „da aufmachen. Dein Herz pocht nur mehr, aber es sprudelt und blubbert nicht. Lebendige Herzen klingen wie“, er dachte kurz nach, „wenn ein Topf mit Wasser kocht.“

Verzaubert und verkatert betrat Liane am nächsten Morgen das Büro. Mein Zwerg, dachte sie. Nachdem der Zwerg verschwunden war, hatte sie fast eine Flasche Rotwein geleert, um den Schreck des eben erschienen Zwerges zu verdauen und um ihr größtes Glück zu erkunden.

Ihr Kollege Milan, mit dem sie seit mehr als drei Jahren zusammenarbeitet, war auch schon da. Auffallend an ihm war seine Körpergröße. Er ging Liane genau bis zur Schulter.

„Milan!“, befahl Liane, „komm einmal her. Lass mich dein Herz hören. Ich will wissen, ob du ein Kochtopfherz hast?“ Mich muss der Teufel reiten, dachte sich Liane, kaum hatte sie die Worte ausgesprochen.

„Liane“, Milan wunderte sich über so viel persönliche Worte, „und dir geht es schon gut?“

„Bestens“, antwortete sie und strahlte, „und jetzt lege ich mein Ohr an deine Brust.“

Barbara, die Sekretärin staunte nicht schlecht, als sie Liane und Milan sah. „Entschuldigt die Störung“, kicherte sie, „aber ich brauche Milan.“ „Warte Barbara“, sagte Liane, „ich will auch dein Herz hören.“

„Weißt du“, erklärte Liane dem Zwerg, „Milans Herz kocht und Barbaras Herz schlägt.“

„Wer hat die grüne Farbe in deine Augen gezaubert?“, wollte der Zwerg wissen. „Die waren immer schon grün“, antwortete Liane. „Aus solchen Augen müsste man Kapital schlagen können“, er guckte sie lange an, „grün, dann gelb und dann so braune Punkte. Wow!“

Liane hob den Zwerg hoch und drückte ihn ganz vorsichtig an sich. Er roch nach Walderdbeeren, Moos und Tannenbäumen. „Nie wieder lasse ich dich los“, sagte sie. „Hallo“, wehrte er sich, „gestern wolltest du mich noch erschlagen und heute drohst du mir mit Festhalten auf ewig.“

„So bin ich eben“, lachte sie.

Plötzlich war Milan mehr als ein Teil ihrer Arbeit. „Komm Liane!“, sagte er, „höre, ob mein Herz heute kocht?“ Aber auch Barbara, die ihr immer so weit weg zu sein schien, war ihr auf einmal viel näher. Milans Herz erwärmte das Büro.

„Liane“, Milan wunderte sich, „was ist mit dir passiert? Du bist so anders. Ich dachte immer, du bist knallhart und eiskalt. Und jetzt darf ich miterleben, wie dein Herz das Büro erwärmt.“

Liane staunte, er hatte ihre Gedanken ausgesprochen. Sie fühlte, wie ihr Herz blubb machte. „Liane?“, er schenkte ihr einen wunderbaren Blick, „hast du Lust mit mir heute Abend essen zu gehen?“

„Was, bitte, soll ich anziehen?“, fragte Liane den Zwerg. „Nimm das da“, er befreite sich von einem schwarzen Top, das auf seinem Kopf gelandet war. „Vergiss es“, jammerte sie, „das sehe ich aus wie eine Walze.“ „Liane“, er betonte das E am Ende ihres Namens auf eine entzückende Art, „du nervst. Zieh das an, worin du du bist. Verkleide dich nicht, bleib dir selbst treu, das reicht.“ Zwerge schienen kleine Philosophen zu sein, sie hatten wohl genug Zeit zum Nachdenken, während sie im Bergwerk nach Diamanten schürften. Immer wieder versuchte Liane sich ins Bewusstsein zu rufen, dass es nur eine Einladung zum Essen wäre. In kurzen, sehr dunklen Momenten fürchtete sie, dass Milan ihr zwischen Aperitif und Hauptgang erklären würde, dass er schwul wäre oder, dass er eine unglückliche Beziehung hätte, aus der er ausbrechen wollte. Dazu überkam sie die Angst, dass er genau eines von den Lokalen vorschlug, wo sie sich von vorne herein deplatziert gefühlt hätte. „Stopp!“, sagte sie ganz laut, in der Hoffnung, dass das sie aus dem Gedankenkarussell aussteigen konnte.

„Mir reicht es, wenn du mir in fünf Stunden erzählst, dass es ein schöner Abend war“, sagte der Zwerg, „und jetzt trinken wir einen Schluck Prosecco.“ Liane hatte keine Ahnung, ob Zwerge Alkohol trinken durften? In der Küche suchte sie nach einem Trinkgefäß für ihn. Sie fand nichts.

„Hast du keinen Fingerhut“, wollte er wissen. Nein, hatte sie nicht. Schließlich entdeckte sie den Verschluss der Hustentropfen.

„Prosecco aus dem Plastikbecher?“, er warf einen kritischen Blick auf das Teil, das sie in der Hand hielt.

„Das ist“, lachte Milan „ein Stückchen meiner Heimat.“ Liane machte sich selbst Vorwürfe. Wie konnte sie Milan nur in Gedanken unterstellen, dass er sie in eine Schickimicki Kneipe verschleppen würde? Was sie hier umgab, war Kroatien pur. Die Stimmung ausgelassen, laut und südlich. „Komm mit in die Küche!“ Ein Mann, der Milan zum Verwechseln ähnlich sah, gab ihr die Hand und sagte: „Willkommen Liane.“ In mitten dieser kleinen Küche, die nach Fett, Zwiebel, Knoblauch und Basilikum roch, kamen Liane die Tränen. „Doofer Zwiebel“, murmelte sie, obwohl sie ganz genau wusste, dass der Zwiebel nichts mit ihren Tränen zu tun hatte. Die ältere Milan-Ausgabe nahm ein Geschirrtuch und wischte ihr die Tränen weg. „Milan, hast du diese Augen gesehen?“ Milan legte den Arm um Liane. „Vater, diese Augen kenne ich seit fast drei Jahren. Was willst du mir erzählen?“

„Der sieht mir seit drei Jahren in die Augen und sagt kein Wort“, beschwerte sich Liane. „Du hättest es vielleicht gehört, aber nicht wahrgenommen“, antwortete der Zwerg.

Wie konnte sie drei lange Jahre an diesem Menschen vorbeigehen, der ihr räumlich so nahe war? „Wie fühlt es sich an, wenn man verliebt ist?“, wollte der Zwerg wissen. „Bin ich denn verliebt?“ Der Zwerg schüttelte den Kopf, legte seine Stirn in Falten und sah Liane mit seinen kastanienbraunen Augen an. „Das musst du dir schon selbst beantworten“, sagte er.

Nach einer unruhigen Nacht, beschloss Liane, das zu tun, was sie noch nie in ihrem Leben gemacht hatte. Sie wollte einen Schritt machen, der sie entweder zu einer großen Siegerin oder zu einen großen Verliererin machte.

Kein Zwerg war da, den sie fragen konnte, ob das nun klug wäre oder nicht. Liane war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn jemals wieder sehen würde. Sie zog ihre Lieblingsjean und ihren Lieblingssweater an, verzichtete auf High-Heels oder ähnlichen Schnickschnack.

Es war kurz nach neun Uhr morgens, sie hatte genau fünf Stunden geschlafen. Auf dem Weg zu Milans Wohnung kaufte sie Frühstück und Prosecco. Je länger sie unterwegs war, desto mehr wurde ihr bewusst, welchen Wahnsinn sie sich vorgenommen hatte. Geschätzte hundertmal wollte sie umdrehen und nach Hause fahren, aber irgendetwas in ihr ließ das nicht zu. Vor der Haustür zündete sie sich eine Zigarette an und begann zu orakeln. „Wenn jetzt vier rote Autos in der nächsten Minute hier vorbeifahren, dann läute ich an“, murmelte sie. Fünf alte Frauen mit Einkaufstasche, wären ein Grund gewesen alles hinzuschmeißen, genauso wie vier schwarze Autos. „Drücke auf diese bescheuerte Klingel, blöde Kuh!“, befahl sie sich selbst.

„Liane?“, Milan stand der Schreck in den Augen, „was um alles in der Welt machst du hier?“

Verdammt, dachte sich Liane, das war keine gute Idee, der freut sich nicht einmal. Könnte es daran liegen, dass er nicht alleine war? Liane hasste sich für die Idee, zu ihm zu fahren und ihm zu sagen, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Langsam erwachte sie aus ihrer Starre und nahm Milan wieder wahr, dann holte sie tief Luft und sah ihm in die Augen: „Milan, egal wie du es siehst, egal ob da eine andere Frau in deinem Bett liegt, egal ob du am Montag kündigst, egal ob du mich für völlig verrückt hältst“, sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen über die Wangen liefen,„ich habe mich in dich verliebt.“ Und jetzt nichts wie weg, dachte sie sich. Milan blickte sie lange an, viel zu lange. Dann legte er seine Arme um sie, drückte sie ganz fest an sich und sagte:„Willkommen in meinem Leben, Liane.“

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Kommentare

Maria49 ohh :) .. ein Bild ist auch da .. danke
16|05|2011, 21:58

  • Das Glück, verschieden zu sein
    Es waren einmal zwei Kinder. Und so wie es bei Kindern eben ist, waren sie sich zwar vom Äußeren ähnlich, aber im Inneren waren sie total verschieden.
  • Märchenhaftes im Wald
    Es war einmal an einem Morgen im Wald. Viele große Tannenbäume mit grünen Wiesen, etlichen Sträuchern und mit viel Laub und Tannenzapfen auf dem Waldboden.
  • Marie und ihr Großvater
    „Lieber Gott! Bin mir sicher, dass du mich kennst, ich bin es, die Maria von der Familie Berger....

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