a Project by ModernTimesMedia

 

my-story.com

Lebensqualität

zurück zur Übersicht

Seit drei Tagen Dauerregen und kein Ende abzusehen! So habe ich mir die schwer erkämpften freien Tage auf dem Campingplatz nicht vorgestellt. Ich träumte von Sonnenstrahlen, die mich wach kitzeln, dem ausgedehnten Frühstück auf der kleinen Terrasse, Eiskaffee am Nachmittag und lauen Abenden mit Rotwein und Kerzenschein – und jetzt das!

Frustriert mache ich mich während einer Regenpause für die nachmittägliche Pflichtrunde mit meinen zwei Hunden fertig. Heute bin ich schon zweimal nass bis auf die Knochen geworden, denn ich habe, Optimistin, die ich bin, beim Gassigehen auf einen Regenmantel und die Gummistiefel verzichtet. Das passiert mir nicht noch einmal, also ab in die Regenkluft und los geht’s. Die Dackel schauen mich missmutig an, denn selbst sie scheinen keine Lust zu haben im Regen herumzutappen. Doch darauf werde ich keine Rücksicht nehmen und nach einem kräftigen Ruck an der Leine folgen sie mir unwillig durch die kleine Pforte auf den dusteren Waldweg.

Hier tropft es von jedem Ast, von jedem Blatt und selbst die Bäume sehen traurig aus.

Im Gehen sinniere ich vor mich hin. Wieso bin ich nur auf die dämliche Idee gekommen, ausgerechnet hier Urlaub zu machen. Das ist ja wieder typisch. Kaum bin ich da, regnet es in Strömen. Was will ich eigentlich in diesem kleinen Kaff mit seinen spießigen Einwohnern und was will ich auf einem Campingplatz!

Ich wollte einmal die Welt erobern, wollte alle großen Städte sehen, jeden Tag Action haben und mich niemals langweilen. Wollte von der Golden Gate Bridge spucken, sehen, wie der Sonnenuntergang den Ayers Rock blutrot färbt, wie Marilyn im gelben Regenmäntelchen unter den Niagarafällen posieren, und wie in einem Agatha Cristie Roman stilgerecht auf dem Nil kreuzen.

Und jetzt sitze ich im Harz in einem verdammten Regenloch!

Wir sind an einem kleinen, verschwiegenen See, mitten im Wald angekommen. Ganz in Gedanken habe ich einen unbekannten Weg eingeschlagen, hier war ich noch nie. Wie friedlich es ist. Eine kleine Holzbrücke führt über das Wasser und ich bleibe mitten auf der Brücke stehen, lehne mich auf das Geländer und versinke weiter im Selbstmitleid. Ich wollte die Welt erobern, jeden Tag Action haben – das ist Lebensqualität!

Plötzlich geschehen mehrere Dinge auf einmal: Die Wolkendecke reißt auf und ein glitzernder Sonnenstrahl lässt das Wasser silbern glänzen. Gleichzeitig spiegeln sich die umliegenden Bäume darin, bewegen sich sanft in den kleinen Gluckerwellen, die auf dem See schaukeln. Ein dicker Karpfen steckt sein rundes Kussmaul aus dem Wasser, er scheint mir zuzuzwinkern und eine Entenmama kommt mit ihren puscheligen Küken unter der Brücke hervor. Die Kleinen scheinen die ersten Schwimmversuche zu machen und bemühen sich ganz dicht bei der Mutter zu bleiben, purzeln fast übereinander.

Unwillkürlich muss ich lächeln, schaue erst auf das Schauspiel und dann fällt mein Blick auf die Dackelgang. Die Zwei sitzen nah zusammen, schauen zu mir hoch und lächeln mich an, jedenfalls sieht das so aus.

Und plötzlich weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Sicher ist es aufregend und toll, die große, weite Welt zu sehen, aber das hier ist meine kleine, heile Welt, mein Ruhepunkt im manchmal so hektischen und aufreibenden Alltag – und DAS ist Lebensqualität!

Nachtrag: Von der Golden Gate habe ich noch nicht gespuckt, doch alles Andere schon ausprobiert. Trotzdem schließe ich mich Dorothy an, wenn sie sagt: „Am Schönsten ist es doch daheim.“

…und rote Schuhe habe ich auch…

Sign up

oder einloggen, um alle Features zu nutzen.

Kommentare

Angiej Eben, es kommt auf das Selbstgefühl an!
17|06|2011, 21:47

Shizo oh ja. wie nachvollziehbar dieser text ist. soviel man auch erleben und erreichen wollte. schlussendlich ist man heilfroh zu haben was man hat. ist manchmal gar nicht so wenig wie es sich anfühlt.
26|05|2011, 17:54

  • Kindheitserinnerung
    Sind unsere alten Eltern nicht manchmal lästig. Sie fordern und quengeln zuweilen wie kleine Kinder und man fragt sich allen ernstes: Wer ist hier Kind und wer ist Mutter?
  • Wohin die Reise geht
    Johannes möchte für ein Jahr nach Schottland, seine Eltern sind da ganz anderer Meinung. Dann findet seine Mutter einen lange vergessenen Koffer mit Erinnerungen...
  • Bin nicht mehr jung
    Nicht mehr jung, doch noch nicht alt. Frau fühlt sich irgendwie dazwischen...
  • Walburga
    Sie hat gedacht, die Liebe würde für immer halten, dann wird sie bitter enttäuscht, doch plötzlich sieht sie ganz klar, wie sie ihn für immer an sich binden kann. Er soll sie nie mehr vergessen!
  • Was tut er da nur?
    Es duftet nach Frühling und der liebeskranke Dackelrüde Murphy tröstet sich auf seine Weise. Das ist Emma den Dackelmädchen völlig unverständlich...
  • Lebensqualität
    Sie wollte eine Weltreise und landet auf einem Campingplatz im Harz. Doch eigentlich kommt es gar nicht darauf ankommt, WO man ist...
  • Fast perfekt
    Es sollte eine perfekte Nacht werden - doch sie wurde nur FAST perfekt
  • Ein kluges Tier?
    Mein Dackelmädchen ist nicht die Hellste - oder?
  • Leben
    "Manchmal gehst du mir auf die Nerven!" Das sagt sie so dahin, doch dann geschieht etwas schreckliches.
  • Die Ewigkeit für uns
    Wie immer besucht er sie zu ihrem Geburtstag, denn er kann sie nicht vergessen.
  • Gesundheitscheck
    Hartriegel erwacht von einem gewaltigen Grummeln in seinem Magen. Liegt das daran, dass seine Begleitrobottin ihn nervt oder sollte er endlich den fälligen Gesundheitscheck machen?
  • Frühlingskonzert - Beitrag zum Schreibwettbewerb "Frühlingserwachen"
    Von schönem Vogelgezwitscher und merkwürdigem Balzverhalten
  • Was ist das, Liebe?
    „Was ist das: Liebe, ein gemeinsames Leben?", fragt der kleine Prinz. „Wie geht das, was ihr Beziehung oder Partnerschaft nennt?"
  • Dackelliebe
    Murphy & Emma kuscheln immer in ihrem Korb, bis...
  • Die Schreibaufgabe
    "Schreiben Sie einen Liebesbrief."
  • Freiheit, die ich meine
    Er war männlich, verwegen und frei, bis...
  • Meine Schatzkiste
    Beitrag zum Wettbewerb: "Warum mein Leben so toll ist"
  • Nachtgedanken
    Beitrag zum Schreibwettbewerb: Warum ich glücklich bin
  • Zwischen uns
    Streit und Versöhnung sollten ganz nah bei einander sein.
  • Intensiv
    Beitrag zum Schreibwettbewerb "Glücklich"
  • Seide auf der Haut
    Einmal Luxus pur, das Gefühl von Seide auf nackter Haut erleben...
  • Nur ein Traum
    Die Sehnsucht lässt uns zuweilen vom Unmöglichen träumen.
  • Alles Öko - oder was . . .
    Mein Beitrag zum Schreibwettbewerb
  • Echte Kerle
    So sind sie . . .
  • Willst Du mich heiraten?
    Gedanken zu dem Artikel: "Wie fühlt sich Partnerschaft nach Jahren an."
  • Paris -danach
    Mein Mann und ich waren am 13.11. in Paris - wir haben einen Schutzengel gehabt. Dies ist sein Text dazu - ich bin im Moment noch nicht in der Lage etwas darüber zu schreiben ...
  • Kussvariationen
    Ein Gedicht über das Küssen ...
  • Aus Kindern werden Leute
    Sven will mit seiner Tochter ein Gespräch von Papi zu Lialein führen. Das ist mit einer 16jährigen nicht einfach...
  • Schlechte Hormone
    Was tun, wenn die Gynäkologin feststellt, dass frau schlechte Hormone hat???
  • Alles Gute zum Geburtstag, Papa
    Auch wenn die Eltern gegangen sind, haben sie immer einen Platz in unserem Herzen.
  • Glühbirne im mittleren Osten
    Das Israel ein Land ist, bei dem ein versuchtes Brainstorming versagen würde, kann man nicht behaupten. Seine Erwähnung reicht aus, um eine Lawine an Assoziationen loszutreten.
  • Blut trocknet nicht
    Wofür ist Albanien berühmt? Dafür, dass es mit Moldawien um den Platz des ärmsten Staates in Europa rittert? Für Mutter Teresa?
  • Es hat sich ausgereist
    Gestern wurde ich auf der Straße im wahrsten Sinne des Wortes angetorkelt. Nach einem durchdringenden Blick konnte ich unter der vom Schwips verfärbten Nase...

Spread the Word

Bookmark and Share

 

... kein Login mehr möglich!
    Mehr Info siehe Startseite in schwarzer Box.