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Wetterleuchten über dem Seelower Puschkinplatz

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Am 01. Juli 1945 wurde offiziell in der damaligen Sowjetzone die „ Deutsche Volkspolizei“ gegründet. Seit dem fungierte dieser Tag stets als „Tag der Deutschen Volkspolizei“.

Auch im VPKA Seelow sollte dieser, mittlerweile vierundvierzigste Ehrentag, nach dem üblichen Muster begangen werden. Um 09.00 Uhr trat die gesamte Belegschaft, mit Ausnahme der Kriminalisten, in Paradeuniform auf dem Hof an. Wie in jedem Jahr, so war auch heute der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung zur Gratulation erschienen. Unter den amüsierten Augen der Anwesenden, näherte sich der Stabschef im preußischen Exerzierschritt dem Kreissekretär.

„ Genosse 1. Sekretär, der Bestand des Volkspolizeikreisamtes Seelow ist zum Appell anlässlich des heutigen Ehrentages angetreten.“ Die Meldung des Stabschefs, erfolgte ebenso zackig wie sein Paradeschritt. Der Offizier im Range eines Majors war das Musterbild eines Militärs. Man hatte ihn erst vor kurzem aus der Frankfurter Bezirksbehörde nach Seelow versetzt, wo er mit seiner überkorrekten Art ständig den Unmut der Polizisten heraufbeschwor. Der 1. Sekretär, ein noch junger Mann von höchstens vierzig Jahren, dankte nun den Volkspolizisten für ihre geleistete Arbeit. Falls es sich zufällig um die gleiche Rede wie vom Vorjahr handelte, hatte er gute Chancen das dieses unbemerkt blieb. Die in Zweierreihen Abteilungsweise angetretenen warten angespannt auf eine eventuelle Prämie oder gar Beförderung. Man fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, wo man als Kind kurz vor der Bescherung bangte, das gewünschte Geschenk auch ja unter dem Tannenbaum zu finden. Nur einer aus unseren Reihen hat von vornherein auf die angebotene Beförderung verzichtet. Und nicht nur das, er hat auch gleich ganz darauf verzichtet ein Volkspolizist zu sein. Es handelte sich um den früheren Unterwachtmeister Hartmut H. bis vor kurzem noch ein Schutzpolizist wie ich. Hartmut wollte nächsten Monat seine langjährige Freundin, die von ihm in kürze ein Kind erwartet, heiraten. Die zuständige Personalabteilung wollte ihm jedoch nicht die benötigte Heiratserlaubnis gewähren. Seine Auserwähle wollte in typisch weiblicher Sturheit, nicht den Kontakt zu ihren, in der Bundesrepublik lebenden Cousin abbrechen. Das hatte zur Folge, dass man die zu einem klärenden Gespräch mit den führenden Genossen des VPKA bestellte. Dort stellte man Hartmut vor die Wahl, entweder Freundin oder Polizei! Auf seinen Hinweis auf den Zustand seiner Freundin, bereitete man ihn ein geradezu unmoralisches Angebot: Hartmut wird am 01. Juli 1989 zum Wachtmeister befördert. Da mit einer Beförderung automatisch auch mehr Gehalt verbunden ist, kann er doch getrost die Alimente für sein Kind bezahlen! Wie gesagt, die Offerte erfolgte in Anwesenheit der werdenden Mutter! Hartmut zeigte Charakterstärke, schlug das Angebot in den Wind und verließ die Volkspolizei. Der Schritt fiel ihm sehr schwer, denn er hing an seinem Beruf. Jeder einzelne Polizist wusste von dem Vorfall, nahm ihn aber hin wie ein bedauerliches Naturereignis. Im Prinzip war man froh, nicht ähnlichen familiären Konflikten ausgesetzt zu sein. Denn Sinn des Ganzen in Frage zu stellen, fiel jedoch niemanden ein.

Später begegnete Hartmut einen der Offiziere, die dieses Schmierentheater zu verantworten hatten. Der Mann versuchte sich damit herauszureden, dass die Kreisdienststelle für Staatssicherheit die Entfernung Hartmuts aus dem Dienst verlangt hätte. Wenn dem so war, warum hat man ihm dann noch solch ein Angebot unterbreitet?

Endlich war der 1. Sekretär an den Schluss seiner mehrseitigen Rede angelangt. Nun endlich erfolgte der ersehnte Höhepunkt des Tages, der erfahrungsgemäß durchaus auch mit einer Enttäuschung enden konnte. Hauptmann Sylvia R., der Kaderoffizier des VPKA, verlas Dienstgrade und Namen der für eine Beförderung vorgesehenen. Darauf brauchte ich keine Hoffnung zu verschwenden. Mein Dienstgrad, Hauptwachtmeister, bildete den vorläufigen Endpunkt in der Karriere eines DDR-Schutzpolizisten. Die nächste mögliche Beförderung wäre theoretisch, erst 1999 fällig. Bis dahin aber wollte ich längst mein Studium absolviert haben und Offizier sein. Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg! Nach den Beförderungen, „regnete“ es Prämien und Orden. Es war für mich völlig überraschend, dass auch ich zu den Geehrten gehörte. Schließlich war ich doch erst seit knapp einem Jahr im VPKA. Man verlieh mir die mit zweihundert Mark zusätzlich „versüßte“ „ Medaille für ausgezeichnete Leistungen in den Organen des MdI“. Auch wenn dieser Orden laut Statistik quasi jedem Volkspolizisten irgendwann einmal verliehen wird, erfüllte mich die Auszeichnung doch mit gewissem Stolz. Nach dem Appell mussten sich die Ausgezeichneten und Beförderten der Abteilung noch einmal beim S-Leiter melden. Danach ging es für mich ins freie Wochenende. Zu meinem Erstaunen, fand ich bereits am Vormittag die aktuelle Ausgabe des „ Neuen Tag“ in meinem Briefkasten. Auf der Seelower Kreisseite widmete sich das Blatt ausführlich, in Wort und Bild, der Arbeit der Volkspolizei. Der Verfasser lobte, ähnlich wie der Kreissekretär der SED, die Polizei „über den grünen Klee“. Ich versuchte mich der Illusion hinzugeben, dass zwischen Volkspolizei und Bevölkerung tatsächlich so etwas wie Harmonie besteht. Vielleicht stimmen ja die Meldungen von den vielen Ausreisewilligen die sich auf den Weg gemacht haben um durch Ungarns offene Grenze zu entfleuchen, doch nicht? War das alles doch nur Propaganda vom Westen? Nur wenige Tage befreite mich ein Erlebnis während einer abendlichen Fußstreife, von meinem Selbstbetrug. Ein herrlicher Sommertag neigte sich seinem Ende zu. Über der damals turmlosen Kirche Seelows brachte ein malerischer Sonnenuntergang den Himmel zum erglühen. Auf dem Puschkinplatz versammelten sich mehrere Gruppen junger Leute. Die meisten von ihnen kamen von einer Discoveranstaltung im nahen Kulturhaus, die an Wochentagen bereits gegen 22:00 Uhr endete. Der herrliche Sommerabend hielt die jungen Leute offensichtlich davon ab, rasch nach Hause zu gehen. Rasch füllte sich der um diese Zeit sonst menschenleere Platz im Herzen Seelows. Erfahrungsgemäß trugen Personenansammlungen, besonders um diese späte Stunde, einiges Potential für Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten mit sich. Jugendliches Imponiergehabe und Alkohol hatten bereits zu Großvaters Zeiten die Gendarmen beschäftigt, dass wird wohl auch immer so bleiben. Aber an jenem Abend lag mehr in der noch immer warmen Luft, als nur ein paar harmlose Jugendstreiche. Natürlich blieb mir die ungewöhnliche Bewegung auf dem Puschkinplatz nicht verborgen. Die Tanzveranstaltungen im Kulturhaus bereiteten der Seelower Polizei ohnehin einiges an Kopfzerbrechen. Sachbeschädigungen, aber auch Körperverletzungen waren an der Tagesordnung, ohne dass die Polizei immer sofort einschreiten konnte. Um dem ganzen vorzubeugen, hatten die Streifenpolizisten dem Umfeld des Kulturhauses ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Das war leichter gesagt, als getan. Besonders dann, wenn sich ein einzelner Polizist um die Flausen mehrerer hundert Jugendlicher zu kümmern hatte. So erging es mir na jenem Abend. Der Beginn der Urlaubssaison sorgte wie in jedem Jahr für Chaos bei der Dienstplanung. Der erfahrene kluge Polizist geht in solchen Nächten jeglichem Ärger aus dem Weg, da er ohnehin ganz auf sich allein gestellt ist. Aber als junger, knapp fünfundzwanzigjähriger Hauptwachtmeister und frisch gekürter Medaillenträger, sieht man die Welt mit anderen Augen. Erfüllt von Pflichtgefühl und mit dem trügerischen Gefühl der eigenen Unverletzlichkeit, beschloss ich auf dem Puschkinplatz polizeiliche Präsenz zu zeigen. Die Jugendlichen sollten wissen, dass die Staatsmacht ein waches Auge auf sie hat. Zu diesem Zwecke stellte ich mich auf die obere Treppe der altehrwürdigen „Adlerapotheke“. Hier wurden schon Pillen verkauft, als Seelow noch in Preußen lag und von einem König regiert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg versank der Ort in Schutt und Asche, sogar die Kirche büßte ihren Turm ein. Vieles war nicht mehr so wie es einst war. Nur in der Apotheke wurden bald wieder Medikamente verkauft.

Nun stand ich hier, als unübersehbarer Repräsentant der Staatsmacht, gewandet in die grüne Uniform der Volkspolizei. Mit dem über der Schulter baumelndem Funkgerät und der Kartentasche an der Seite, kam ich mir vor wie der „Leutnant vom Schwanenkietz“ aus dem Fernsehen. Ich lies meinen Blick über den Platz schweifen, vom Schäferbrunnen hinüber zum „Cafe Schmidt“ und der HO-Gaststätte „Oderbruch“. Überall standen in losen Gruppen, diskutierend und gestikuliert, junge Leute. Schon hörte ich die ersten Schmährufe gegen die Polizei, ausgestoßen aus der Anonymität der Gruppe. „ Hau ab Bullenschwein“, brüllte ein mit einem blauen Jeansanzug bekleideter junger Mann. Es folgten Pfiffe und Buhrufe, schon bald schlugen irgendwo leere Flaschen klirrend aufs Pflaster. Ich verspürte ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend, beschloss aber trotzdem auf der Stelle zu verharren. „ Wir wollen endlich Freiheit haben und nicht mehr eingesperrt sein“, rief ein junges, höchstens achtzehnjähriges Mädchen. „ Heute haben schon wieder ein paar tausend euren Lügenstaat verlassen, bald sind wir auch weg“, hallte es aus einer anderen Gruppe. Jetzt dämmerte es mir der Grund für die spätabendliche Versammlung: die jungen Leute wollten über die seit Wochen herrschenden, von offizieller Seite noch immer verschwiegenen Ausreisewelle diskutieren. Da von den Erwachsenen anscheinend niemand mit ihnen über dieses Problem sprach, wollten sie sich nun Gehör verschaffen. Und sie taten es, auf eine ebenso unüberhörbare wie unfassbare Art und Weise. Einige von den Anwesenden kannte ich flüchtig, die Mutter eines Mädchens arbeitete als Zivilangestellte bei der Abteilung „Pass und Meldewesen“ im Kreisamt. Mir standen keine Rowdys, sondern ganz normale, anständige junge Leute gegenüber. Gut, einige von ihnen schienen angetrunken zu sein und spielten die üblichen provokanten Spielchen. Aber den meisten ging es nur darum, den angestauten Frust freien Lauf zu lassen. Zu meiner großen Überraschung befanden sich auch junge polnische Erntehelfer unter den Massen. Vor einem Jahr war es noch zu einer Prügelei zwischen Deutschen und Polen gekommen, heute verbrüderten sie sich! Das war gelebte Völkerfreundschaft, hatte aber mit der von der SED stets propagierten nichts gemein. Ein seltsames Stimmengemisch zelebrierte eine Lobeshymne auf die „Solidarnocz“ und Lech Walesa. Einige von den Mädels tanzten ausgelassen in froher Stimmung, jeder einzelne von den gut zweihundert Jugendlichen schien geradezu von einem ausgelassenen Siegestaumel erfasst zu sein. Immer wieder hallten die lauten Rufe nach Freiheit, durch das nächtliche Seelow. Unverhohlener Spott und Hohn schlugen mir entgegen, keine Spur von Vertrauen oder gar Respekt gegenüber der Volkspolizei.

Ich verharrte derweilen noch immer auf der Treppe aus. Meine rechte Hand umklammerte unschlüssig das Mikrofon meines Funkgerätes. Sollte ich dem „Operativen Diensthabenden“ nun Meldung erstatten, oder nicht? Meldung worüber? Etwa wegen vermeintlich „staatsfeindlicher Äußerungen“, die ohne meine Anwesenheit möglicherweise überhaupt nicht gefallen wären? Egal wie, die Volkspolizei zeigte sich machtlos. Nicht nur zahlenmäßig, sondern auch argumentativ. Mussten wir uns nicht auch in den Westmedien über die wahre Lage in der DDR informieren? Hatte nicht erst unlängst ein weltfremder Offizier während einer Parteiversammlung zaghafte Versuche wenigstens ein paar der drängenden Probleme unseres Landes beim Namen zu nennen, mit harschen Worten abgekanzelt? Ich zog mich langsam zurück, in Richtung Breite Straße. Hinter mir hörte ich noch immer die höhnischen Rufe aus Menge, die sich bald nach Hause begab. Ich fühlte mich elend, wie erschlagen. Dagegen hatten die jungen Leute allen Grund zum jubeln. Sie hatten Stärke und Mut bewiesen um auch, oder gerade wegen meiner Anwesenheit, Klartext zu sprechen. Unter dem Eindruck des Erlebten, zog ich von dannen wie ein geprügelter Hund. Es ist wahrlich kein schönes Gefühl, besiegt worden zu sein. Auch nach so vielen Jahren fällt es schwer, sich damit auseinander zusetzen. Vor allem wenn man sich eingesteht, zu Recht besiegt worden zu sein! Mein Erlebnis, sosehr es mich auch traf, sollte jedoch nur ein leiser Vorgeschmack auf viel turbulentere Ereignisse sein. Es war gewissermaßen nur das ferne Wetterleuchten eines schweren Gewittersturms.

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Kommentare

  • Wer ist das Kinderschokoladen-Kind?
    Es verfolgt uns in den Gängen des Supermarkts mit seinem penetranten Lächeln. Das Strahlen seiner blütenweißen Zähne blendet uns vor dem Schokoladenregal...
  • Bevor wir das Zeitliche segnen
    Alfred Korzybski war Pole, Amerikaner, Adeliger, Ingenieur und Linguist. Das war vor einiger Zeit, doch genau in dieser hat er auf ewig seinen Fußabdruck hinterlassen.
  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.

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