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Her mit dem Zaster!

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Jetzt mal ehrlich. Wieviel haben Sie auf der hohen Kante? Zu wenig? Gar nix? Macht nix! Ich sage Ihnen jetzt einmal was. Es gibt da nämlich eine Idee, von der ausnahmsweise nicht die Mateschitze, Wlascheks oder Swarovskis dieser Welt profitieren. Eine Idee mit Weltrettungspotential, eine Idee, die die Wirtschaft saniert, die Schuldenkrise eliminiert, das verkrampfte Goderl des Wutbürgers streichelt und so ganz nebenbei den bettlägerigen Vater Staat auf Kur schickt.

Reingefallen! Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Denn so einfach ist das ganze nun doch wieder nicht. Aber lassen Sie mich diese Idee einmal erklären. Also. Ein gewisser Herr Jochen Hörisch hat sich ganze dreißig Jahre, ja, 60 Semester lang mit der Rolle des Geldes in der Literatur befasst. Dieser gute Mann studierte nämlich Germanistik, Philosophie und Geschichte in Düsseldorf, Paris und Heidelberg und wurde in den achtziger Jahren Professor an der Düsseldorfer Heinrich-Heine- Uni. Den Rest seiner akademischen Karriere erspare ich Ihnen. Fest steht auf jeden Fall, dass Hörisch im Zuge seiner geisteswissenschaftlichen Studien ganz bestimmt auch einiges über Ökonomie lernen durfte. Und eines schönen Tages las er Thomas Manns „Königliche Hoheit“. In diesem Roman geht ein deutscher Kleinstaat pleite, woraufhin ein Retter in Gestalt des reichen Geschäftsmanns Samuel Spoelmann auftaucht, der privates Vermögen in den Staat investiert. Tja, letztlich verdienen Retter, Staat und Bürger prächtig daran, und alle sind happy, so der Schluss der 1909 erschienenen Fiktion. Und was hat das jetzt mit der Realität zu tun?

Lass uns tilgen, Baby!

Unseren deutschen Literaturprofessor hat diese romantische Idee einfach nicht mehr los gelassen. Man weiß es nicht so genau, vielleicht würde Hörisch gerne so sein wie der abenteuerliche Geschäftsmann Spoelmann. Nur, das mit dem wohlhabend ist eben so eine Sache, in einem Interview sagt der Professor, dass er sich mit dem Kauf einer kleinen, vermieteten Wohnung etwas verschuldet habe, sonst aber recht gut auskomme mit seinen 7000 Brutto im Monat. No na. Aber jetzt zu seiner Idee, seinem romantischen Staatsschuldentilgungsmodell für Deutschland. Ich zitiere: „Hierzulande gibt es an die zehn Billionen Euro liquides Vermögen. Da sind Immobilien, Kunstsammlungen oder Autos nicht einbezogen, sondern nur Kontoguthaben, Sichteinlagen, Bundesschatzbriefe und Aktien. Unsere zwei Billionen Euro Staatsschulden entsprechen also rund zwanzig Prozent des liquiden Privatvermögens. Überwiesen die Bürger zur Tilgung zwanzig Prozent ihres liquiden Vermögens, wäre der Staat entschuldet. Allein der Bund könnte dann 50 Millionen Euro an jährlichen Zinszahlungen sparen, dieses Geld in Wirtschaft und Soziales investieren sowie die Steuern senken. Das wäre ein gutes Geschäft für alle.“

Ein reicher Spinner?

Soweit das Modell in der Theorie. In der Realität findet die Idee unseres sozialromantisch veranlagten Literaturprofessors allerdings nur marginal Anklang. Warum will denn keiner tilgen? Mit der Initiative „Hurra, wir tilgen“ wollte Hörisch ein Konto einrichten, das streng an die Staatsschuldentilgung gebunden ist. Die Leute von der Bundesbank dachten anfangs, eine Satirezeitung wollte sie vorführen. Und die Politiker? Fanden seinen Ansatz „nicht kompatibel mit ihrer Politik“, Ökonomen schüttelten den Kopf, weil sie glaubten, dass da wieder einmal ein Geisteswissenschaftler durchgeknallt ist. Warum eigentlich?

Staatsschulden und Privatvermögen in einen Zusammenhang zu setzen, gilt noch immer als unzulässiger, vor allem aber unqualifizierter Vergleich, schreibt man in der Süddeutschen, wodurch sich auch das Ausbleiben jeglicher medialen Resonanz erklären lässt.

Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt, Giovanni die Lorenzo sowie Uwe Jean Heuser, Leiter der Wirtschaftsredaktion haben es über ein Jahr lang abgelehnt, über die Tilgungsinitiative zu berichten. Bis sie auf einmal ein Plädoyer für ein Lastenausgleichsgesetz mit Vermögensabgabe publizierten, verfasst von Volkswirtschaftsprofessor Harald Spehl. User-Kommentare, die auf die Tilgungsinitiative von Hörisch verwiesen, wurden von der Zeit-Redaktion sofort gelöscht.

Eine Verschwörung gegen Hörisch? Wenden wir uns doch wieder unserem Professor zu. Der hielt nämlich an seiner verrückten Idee fest und hat es nach einem unglaublich bürokratischen Gewaltakt dann doch irgendwie geschafft, seinen zwanzig-prozentigen Anteil an das Finanzministerium zu überweisen. Er hat dem Staat 10 000 Euro zur Schuldentilgung geschenkt. Ein Spinner? Pardon, ein reicher Spinner?

Wir sind so frei

Gestern habe ich meiner Nachbarin von dieser Idee erzählt. Sie müssen wissen: Achtzehn Jahre jung, die erste gemeinsame Wohnung mit dem Freund, alles auf Pump. Der XXL-Fernseher in Raten, die Ikea-Küche hat der Papi gesponsert, den Rest hat der Kreditkartenrahmen möglich gemacht. Sie jobbt als Verkäuferin, er arbeitet für ein gar nicht so kleines Medienunternehmer als freier Dienstnehmer, ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld, dafür mit einer eigenen Steuerberaterin, die ihm jährlich berechnet, wieviel er er von seinem lächerlichen Jahreseinkommen dem Staat schuldet. Hallo Finanzamt, danke für die Ratenzahlung. Trotzdem: Jedes Jahr ein neues Drama, aber was soll man schon sagen, das alles hält ihn noch lange nicht davon ab, mit einem Leasing-Cabrio in der Nachbarschaft herzumzucruisen. Man muss sich verschulden, um ein Leben zu leben, das mehr ist als bloßes Überleben, hat Martin Luther King einmal gesagt.

Meine Nachbarin lachte gestern Abend laut los, als ich ihr von der Schuldentilgungsidee erzählte. Aber gerne, was sind denn 20 Prozent von ein paar Tausend Euro Privatschulden? Minus und minus macht doch plus, sagt sie und dreht die neue Stereoanlage auf Anschlag. Da krieg ich doch was zurück vom Staat, schreit sie in Blumfelds „Wir sind frei“. Übrigens: Wussten Sie, dass das erste Wort für Freiheit in menschlicher Sprache überhaupt, das sumerische „amargi“, ein Wort für Schuldenfreiheit, ist?

Das schreibt der amerikanische Anthropologe David Graeber in seinem fast fünfhundertseitigen Werk „Debt. The First 5000 Years“. Jeder Umsturz, jede Revolution, praktisch alle Aufstände der europäischen Geschichte entstanden aus einer Situation der Überschuldung, so Graeber. Und das bedeutet für unseren momentanen Schuldenstatus Quo definitiv nix Gutes. Richtig gefährlich wird es ja dann, wenn es möglich wird, dass die, die Geld verleihen, dieses über Schulden finanzieren und dann ihre eigenen Schulden nicht bezahlen. Wirtschaftspessimisten rufen schon einmal den ultimativen Untergang aus, den Zerfall Europas. Aber vorher machen uns die Chinesen noch einmal ordentlich platt, dann gehen die Amis pleite, was uns alle endgültig in den Abgrund reißt und ein von Rating-Agenturen organisierter Mob die Straßen regiert. Oh Herr, vergib uns unsere Schulden. Aber wieder zurück zu den Tatsachen. Fast schon möchte man meinen, dass sich die Verschuldung ganz einfach als neue soziale Norm etabliert hat, wir befinden uns in einer Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse lebt, und das schon seit Jahren. Bezahlt wird morgen, bestimmt nicht heute. Jetzt haben wir das Schlamassel. Schuldenbremse, Rettungsschirm, Wutbürger, eine weinende Finanzministerin in Italien und eine österreichische Innenministerin, die den Zaster will, und zwar sofort. Also: Her mit der Marie. Das bringt mich wieder zurück zu unserer Schuldentilgungsdebatte und meinen neuen Nachbarn.

Wir sind wütend

„Ich bin doch net deppat und gib dem Staat noch zusätzlich was von meinem Privatvermögen, nur weil so ein gestriegelter Uniprofessor zuviel Zeit zum Nachdenken hat und unsere Politiker unfähig sind, sich eine Lösung zu überlegen, die über eine Amtsperiode hinaus reicht. Müssen ja eh wir alles ausbaden. Wir, die arbeitende Mittelschicht, die Steuerzahler, die ein Sparpaket nach dem anderen auf das Aug gedrückt bekommen, um die Budgetlöcher zu stopfen. Das macht mich WÜTEND“, schreit mein Nachbar und schnappt sich die Autoschlüssel, Sie wissen schon, vom geleasten Cabrio. Daraufhin seine Freundin: „Schatzi, ich korrigiere: Dein nicht vorhandenes Privatvermögen“, die Tür fällt laut ins Schloss, ein Motor heult auf. Irgendwie hat er schon recht, mein Nachbar. Zu sehr erinnert der Vorschlag unseres Professors an einen rein kosmetischen Eingriff, der die oberflächlichen Konsequenzen unseres Schuldenproblems zwar vorübergehend tilgen möchte, aber nicht zu den Wurzeln des Übels vorzudringen imstande ist. Denn die liegen nämlich ganz woanders begraben.

„We are the 99 percent“, steht auf einem Transparent, das Demonstranten der Occupy Wall Street-Bewegung in New York aufgespannt haben. Soll heißen: Eine kleine Minorität von bedenkenlosen Profiteuren hat das Volk ins wirtschaftliche und soziale Elend gestürzt. Was jetzt? Das Misstrauen gegenüber etablierter Politik steigt, Auswege aus dem kapitalistischen Endszenario scheinen in unerreichbarer Ferne. Wohin mit dem Zorn, der Wut, der Verzweiflung? Es ist schon ein auffälliges Zeichen der Zeit, dass Roland Düringers Wutbürger-Rede innerhalt kürzester Zeit zum Youtube-Hit avancierte. Er spricht darin als Vertreter einer „Mittelschicht“ die den „Konsumwahn, das System am Leben erhält“, als einer von vielen „Systemtrotteln, die es satt haben im Hamsterrad zu laufen.“ Auch, dass „kein Politiker den Mut und die Eier habe, aufzustehen, und die Wahrheit zu sagen.“

Ein exemplarischer Aufschrei, in dem sich viele wiederfinden. Also, Wutbürger, wohin des Weges? What’s next? Tilgen oder leiden? Besetzen oder schweigen? Wie schaut eigentlich Ihr Plan aus?

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Kommentare

Amelie ...man darf halt nicht vergessen, dass Düringer in einer Satiresendung aufgetreten ist, also die Rolle eines Wutbürgers bloß gespielt hat. in der langversion des youtube-videos wird das etwas klarer.
20|12|2011, 09:47

Payr Hi Amelie, danke für diese Anregung... Düringers Rede habe ich gesehen und war entsetzt - weil er als Kabarettist die ernsten Sorgen vieler Mitbürger so gebracht hat, als wären sie ihm wichtig und ein Anliegen und als würde er sich dafür einsetzen... Ja, überhaupt nicht, bald darauf sagt er im Standard, er sei doch nicht wütend... Was ist er dann? Das denk ich mir nur, schreib's aber nicht hierher...
17|12|2011, 15:29

Emily_Vestenthal Ach ja, tolle Geschichte, gut recherchiert, danke!
15|12|2011, 21:58

Emily_Vestenthal Witzige Idee, wenn man gleichzeitig auch das System ändert, in dem unser Geld versickert. Übrigens: Mag jemand meine Schulden tilgen???
15|12|2011, 21:56

Amelie Düringers Wutbüger-Persiflage gibt's hier: http://www.youtube.com/watch?v=zfclpHQ4c8Y
15|12|2011, 12:45

Amelie Hier kann man ein Interview mit Prof. Hörisch lesen: http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Interview-Deshalb-habe-ich-dem-Staat-mein-Geld-geschenkt-1402788
15|12|2011, 12:42

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