Blut trocknet nicht
zurück zur ÜbersichtWofür ist Albanien berühmt? Dafür, dass es mit Moldawien um den Platz des ärmsten Staates in Europa rittert? Für Mutter Teresa? Doch sind wir ehrlich, denkt man in Bezug auf die passionierte Nonne an ein Land, so wird das wohl eher Indien sein. Je länger eine befriedigende Antwort auf sich warten lässt, desto klarer wird, dass der kleine Staat anscheinend vom europäischen Tellerrand gefallen ist. Aus den Augen, aus dem Sinn. Vergleichsweise unbekannt ist daher auch ein Phänomen, das eigentlich ganz Europa die Kinnlade herunterholen müsste.
In den gebirgigen Regionen Nordalbaniens unterliegen die Bürger einem Gesetz, für dessen Bezeichnung das Wort Anachronismus eindeutig noch zu schwach ist: der Kanun. Ein jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht in dessen ungeschriebenen Gesetzen das Prinzip der Blutrache an prominenter Stelle steht. Bitteres Ergebnis sind über 10 000 Familien, deren männliche Mitglieder keinen Schritt vor das Haus tun können, aus der Gefahr heraus, unter die Räder einer Blutfehde zu kommen. Für die Albaner ist Ehre das höchste Gut. „Man verliert das Leben, aber nicht die Ehre“, predigt der Kanun und zwingt die ihm Untergebenen, eine Existenz nach dem Prinzip des Aug um Aug und Zahn um Zahn zu führen. Für einen Auslöser, um mit jemandem im Blut zu sein, reicht oft ein Wort, ein unbewusster Unfall. Die Verpflichtung den Blutschulder zu töten folgt auf den Fuß, doch die Exekution der Rache kommt bestenfalls einem Pyrrhussieg gleich, wenn man überhaupt das Wort Sieg in den Mund nehmen möchte. Fortan lebt der Rächer im Warten, warten, dass entweder er, oder einer seiner Familienagehörigen getötet wird. Diese grobe Darstellung des Kanuns vermag nicht einmal an seiner Oberfläche zu kratzen, denn was sich darunter verbirgt ist ein kompliziertes Netz an Regeln, das ebenso die albanische Gastfreundschaft – Besa – und die Bevormundung der Frau umschließt.
Auch wenn man als Außenstehender Schwierigkeiten hat die verworrene Dynamik hinter der Blutrache zu verstehen, so sind ihre Auswirkungen doch klarer als einem lieb ist. Hunderte Tote, tausende Isolierte, die sich in so genannten Kullas – Häusern, die als Versteck dienen – einschließen und für deren Kinder sogar der Schulweg zu gefährlich ist. Auf den Punkt gebracht, es lähmt das Land. Ident zu der Lähmung des Kopfes Europas, der sich offensichtlich nicht senken kann, um zu sehen, was sich in der Gegend seiner Füße im Südosten abspielt.
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