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DER BAUM

Ich liebe es, dich zu umarmen. Ich liebe es, mein Gesicht an deine raue Haut zu schmiegen und dich mit meinen Fingern zu berühren. Dann blicke ich an dir hoch bis in den Himmel, der sich durch dein Geäst flicht. Ich liebe dich. Ich habe dich immer schon geliebt. Damals schon, als dieser kleine Bauernbub mir seine Liebe durch einen Steinwurf auf dich beweisen wollte. Damals schon, als er und ich durch den Wald gingen, allein zu zweit, zu jung, zu scheu um uns an den Händen zu fassen. Und als er diesen Stein vom Boden aufhob und mein Herz bis zum Halse klopfte. „Wenn ich den Baum treffe, liebe ich dich!“, sagte er und warf den Stein. Und du? Du standest da und lächeltest, fingst ihn auf, den Stein mit deinem Stamm und machtest mich so glücklich. Ich bat dich um ein kleines Stück deiner Rinde, das du mir schenktest. Ich besitze es noch heute. Und das Bett aus deinen Blättern. Nie werde ich dieses Nest vergessen, das du uns bereitetest, im Herbst, damals vor so vielen Jahren. Du standest da, ganz still, so schwer, so schwarz und zu deinen Füßen dampften deine Blätter. So viele hast du uns geschenkt, wir wussten sofort, dass dieses weiche, warme Bett dein Geschenk an uns war. Wir tollten darin und sprangen und hüpften und bewarfen uns damit, bis wir schließlich darin versanken. Ich blickte zu dir empor, zu deinen Armen und Ästen, die immer schwärzer waren, als der Himmel und deckte mich zu mit deinem Laub, bis sie ganz warm war, die Oktobernacht. Wir lagen da auf diesem Teppich, in diesem bunten weichen Blätterbett. Und wir sprachen, wie man nur mit 15 spricht, und dann nie wieder. Über das Licht und den Schatten, das Leben, den Tod, das Wohin und Warum. Das modrige Laub dampfte und kochte, und unsere Körper glühten und loderten. Ich spürte das Streicheln und Fordern seiner Hand, ich erwiderte das Toben seiner Lippen. Ich versank in der Glückseligkeit deiner Oktobernächte. Wieder und wieder. Bis die Blätter fort waren, eines Abends. Fort, deine riesenhaften Blättertürme. Wir standen vor dir und fragten entsetzt, wie du das hattest zulassen können. Doch du lächeltest, vertröstetest uns auf deinen nächsten Herbst und wir setzten uns traurig auf eine feuchte Bank. Sie war kalt, sie war nass, sie war hart. So standen wir auf und ich spüre noch, wie ich mich zum Kusse bereit an deine Rinde lehnte. Du hieltest mich fest am Haar, als ich mich löste.

Ich liebe es, dich anzusehen, sooft ich dir begegne und deinem Gesang zu lauschen. Das Netz deiner Zweige zu betrachten und die Muster, die es in den Himmel webt, in deinen Schatten zu flüchten, der nicht verbrennt im Sonnenfeuer.

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Kommentare

  • Warum ich Sonderschullehrerin geworden bin.......
    Jetzt bin ich nicht mehr ganz so jung und unerfahren und leider nicht mehr ganz so bei der Sache...
  • "Der Berni"
    Ich treffe ihn nach Jahren wieder und kann mich nur daran erinnern, dass er einige Jahre mein Schüler war....
  • Es "lebe" die Integration!
    Ich bin seit 34 Jahren Sonderschullehrerin, davon 16 Jahre in Integrationsklassen. Seit diesem Schuljahr Gott sei Dank nicht mehr. Diese Geschichte ist ein kleiner Blick hinter die Kulissen....
  • Der Baum
    Ich liebe Bäume. Sie waren immer schon stille Begleiter meines Lebens...
  • Sein Lächeln
    Solche Schicksale gibt es wirklich.....
  • Jahreszeiten
    Warum "nur" Frühlingserwachen? Für mich erwachen alle Jahreszeiten....

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