Es hat sich ausgereist
zurück zur ÜbersichtGestern wurde ich auf der Straße im wahrsten Sinne des Wortes angetorkelt. Nach einem durchdringenden Blick konnte ich unter der vom Schwips verfärbten Nase einen meiner Freunde ausmachen. „Wochenendtrip nach Barcelona“ stieß er zwischen seinen Lippen hervor und schickte dieser Erklärung sofort eine dem Alkoholkonsum zugeschriebene Geste und ein begeistertes Augenzwinkern nach. Das Flugticket hatte sein Geldbörsel um denselben Betrag wie ein Mittagessen für zwei erleichtert, der luftige Herr Ryan machts möglich. Der Zeitaufwand belief sich auf die gleiche Minutenanzahl wie Salzburg – Wien im Stau, den wohl nur spärlich verwendeten Schlafplatz spendete eine österreichische Freundin im Party-Exil. Wie preiswert und unkompliziert das Reisen doch heute sei, meinte er und untermalte diese Aussage mit einem blutabschnürenden Griff meines Oberarms. Dann zog er von dannen, vermutlich den Schlaf des Gerechten suchend. Auch ich ging meiner Wege, sein letzter Satz jedoch klingelte noch lange in meinem Kopf.
Der Schriftsteller Ilija Trojanow hat einmal gesagt „Reise allein, reise ohne Gepäck und reise langsam“. Mein Freund hatte wohl jedem einzelnen dieser Grundsätze mit vollem Erfolg widersprochen, was mich zu der Überlegung veranlasste, ob reisen denn überhaupt noch das richtige Wort für die von ihm beschriebene Tätigkeit wäre. Als der Schriftsteller Flaubert in die Fußstapfen zahlreicher seiner Kollegen trat und zu einer Orientreise aufbrach, diente diese der Inspiration, dem einsickern Lassen einer neuen Kultur, dem Abenteuer. Es ist kaum verwunderlich, dass besonders Menschen der Künste seit jeher die Reise als ihr Vehikel zu neuen Impressionen auserkoren haben. Das Reisen ist wie das Aufleben der Buchstaben, die Verwirklichung der Literatur und das Betreten einer Straße, die mit Geschichten gepflastert ist. Als hätten Gemälde und Portäts die Füße in die Hände genommen, um endlich die faden Museumswände hinter sich zu lassen und sich stattdessen in den Gesichtern der Leute wiederzufinden. Doch mir scheint, dass immer weniger Menschen bereit sind, die Eintrittskarte für diese Art von Museum zu bezahlen. Stattdessen stehen sie sich in den ewig langen Schlangen vor der zigsten Picasso-Ausstellung ihres Lebens die Füße in den Bauch, prügeln sich danach um die letzte Postkarte im Shop und vergessen ganz dabei, vor der Heimreise mit einem Vertreter der Nation zu sprechen, die sie soeben auf Guernica angestarrt haben. Immer mehr „Reisende“ wandeln luftdicht verpackt in das Papier ihrer Heimat durch die Gassen einer fremden Stadt und nehmen nichts anderes mit nach Hause als eine verfälschte Idee von diesem Ort. „Reisen“ kann man das wohl nicht mehr nennen. Was hält der Duden davon, „easy jetten“ in sein Repertoire aufzunehmen?
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