a Project by ModernTimesMedia

 

my-story.com

Bevor wir das Zeitliche segnen

zurück zur Übersicht

Alfred Korzybski war Pole, Amerikaner, Adeliger, Ingenieur und Linguist. Das war vor einiger Zeit, doch genau in dieser hat er auf ewig seinen Fußabdruck hinterlassen. Das Leben teilte er in drei Dimensionen ein: Länge, Breite und Tiefe. Während sich das Dasein der Pflanzen durch ihr Streben Richtung Sonne in der Länge abspielt, leben die Tiere mit ihrem territorialen Expansionsdrang in der Breite. Der Mensch hingegen, meint Korzybski, geht in der Tiefgründigkeit auf. Verwirrend mag dieses Modell auf den ersten Blick anmuten, doch der Begründer der allgemeinen Semantik lässt uns nicht ohne Erklärung im Regen stehen.

Worin besteht der Unterschied zwischen pflanzlichem und tierischem Leben? In der Auffassung von Raum. Die Pflanzen ignorieren ihn, die Tiere aber besitzen ihn. Und der Mensch? Genau wie die Pflanzen sammelt er Energie an. Ebenso folgt er den Tieren in der Akkumulation von Raum. Doch sein eigentliches Steckenpferd, welches ihn von allen anderen Lebensformen unterscheidet, ist die Fähigkeit Zeit anzuhäufen. Dies ist seine Paradedomäne, denn als einziges Lebewesen reflektiert er über die Vergangenheit und blickt bewusst der Zukunft entgegen.

Wem der Umgang mit der Feder leicht von der Hand geht, der wird Schriftsteller. Ein im Jonglieren mit Zahlen Geschickter wird sich wohl in diesem Bereich sein Brot verdienen. Das Zahlengenie plant demnach nicht, einen Roman zu schreiben, genauso wenig wie der Autor einen geeigneten Finanzminister abgegeben würde. Und der Mensch im Allgemeinen – warum tut er genau dies? Wieso macht er es sich schwer und läuft vor seinem Talent davon? Denn die Lektüre einer einzigen Tageszeitung dient schon als Warnsignal, dass die Menschheit ihre Aufgabe anscheinend vergessen hat. Den Raum lebt sie viel zu extensiv aus, anstatt ihn intensiv zu nutzen. Jeden Tag spult sich der Evolutionsprozess um ein Stück zurück und der Mensch dringt immer mehr in die Sphäre ein, die laut Korzybski mit dem Tier verflochten ist: die Eroberung von Territorien.

Es wird Zeit, dass wir aufwachen und die Fernbedienung in die Hand nehmen, die diesen permanenten Rewind-Prozess der Evolutionsgeschichte steuert. Wie behandeln wir denn eigentlich die uns gegebene Zeit? Dass wir sie allzu oft ganz leichtsinnig ausgeben, wird meistens erst älteren Menschen bewusst. Sobald die Zeitspanne bis zum Scheiden von dieser Welt überschaubarer wird, stellt sich auch die Bedeutung des langsamen Rieselns in der Sanduhr immer mehr ein. Fragen nach der Notwendigkeit bestimmter Tätigkeiten werden plötzlich gestellt, obwohl sie schon Jahre zuvor auf den Tisch gehört hätten. Ein Moment hört auf, der bloße Lückenbüßer zwischen dem Nachdenken über die Vergangenheit und der Fokussierung auf die Zukunft zu sein und kehrt zu seinem ursprünglichen Wesen zurück: ein Tropfen Zeit zu sein, in dem sich der Genuss einer einzelnen Sekunde, der Geruch der Umgebung und die Farben des Lichts widerspiegeln. Sofort tönt von dem sich rasend schnell drehenden Karussell namens Stress ein Ruf „Dazu hab ich keine Zeit!“.

Die Zeit hat niemand. Die Zeit nimmt man sich.

Sign up

oder einloggen, um alle Features zu nutzen.

Kommentare

Jelinka bin auch aus polen :DD
14|10|2012, 17:17

  • Ich küsste sie nicht, ich flüsterte in ihren Mund...
    Chico Marx mag seine Vorstellung eines Kusses haben, der Duden jedenfalls klassifiziert ihn als sanft drückende Bewegung mit den Lippen.
  • Es war einmal...
    Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, dass ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach...
  • Bevor wir das Zeitliche segnen
    Alfred Korzybski war Pole, Amerikaner, Adeliger, Ingenieur und Linguist. Das war vor einiger Zeit, doch genau in dieser hat er auf ewig seinen Fußabdruck hinterlassen.
  • Das schöne Herz
    Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe.
  • Wer ist das Kinderschokoladen-Kind?
    Es verfolgt uns in den Gängen des Supermarkts mit seinem penetranten Lächeln. Das Strahlen seiner blütenweißen Zähne blendet uns vor dem Schokoladenregal...
  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.
  • Neues vom Nachbarn
    Mein Nachbar, der Baustellenkönig, ist so ein kleiner untersetzter Berserker, der vor keiner Anstrengung zurückscheut ....

Spread the Word

Bookmark and Share

 

Passwort vergessen | Neuanmeldung