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Neues vom Nachbarn

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Mein Nachbar, der Baustellenkönig, ist so ein kleiner untersetzter Berserker, der vor keiner Anstrengung zurückscheut und am liebsten alles selber anpackt auf die raffinierte, umstandslose Art des unerschütterlichen Schlaubauern. Sicher kennen Sie auch so jemanden. Man möchte um nichts in der Welt mit ihm tauschen, dennoch bewundert man heimlich seine beharrliche Wut, mit der er scheinbar unüberwindliche Aufgaben angeht und sie eines Tages vielleicht auch zu Ende bringt.

Ich nenne ihn bei mir im Stillen ”den Caterpillar". Wie eine Kettenmaschine fräst er sich durch die ewige Baustelle, Schutt und Verwüstung hinterlassend. Seit Monaten geht das so. Eigentlich seit zwei Jahren schon, seit er das hässliche, lidlos glatte, uncharmant einstöckige Haus ”supergünstig erworben, als einzig Anwesender ersteigert" hat. Obwohl er sich nicht einmal durch Gewitter von der Arbeit abhalten lässt, sieht man keine Veränderung zum Besseren.

Ja, er hat es bis unters dach mit Verputz beworfen, aber das wirkt wie das Nebenprodukt einer Schneeballschlacht. Ja, er hat einen Riesengülletank im Vorgarten vergraben, aber jetzt wächst dort bestenfalls noch flachwurzelndes Gras.

Ja, er hat eine Veranda ausgebaut, aber man muss sich auf Stühle stellen, um über die Grundstücksmauer hinweg den Sonnenuntergang zu sehen.

Ja, er und seine liebenswürdig lächelnde Frau sind jetzt in den Garagentrakt eingezogen, aber was verheizt er da eigentlich? Solche Rauchstoßentwicklung sieht man sonst nur noch bei Museumsbahnen.

Eines muss ich ihm lassen: Sein Maschinenpark überrascht mich ständig aufs Neue. Neben den üblichen Lastwägen, Kipploren, Cradern und Baggern, die auf dichtverschränkte Weise auf dem Erdreich des Innenhofes ruhen wie prähistorische Echsen, parkte unlängst eine gewaltige Dampfwalze vorm Haus. Einen kurzen Moment lang flackerte Freude in mir auf – ich dachte, er hätte sich endlich zum großen Schnitt entschlossen und würde alles flach machen, um ganz von vorne zu beginnen. Leider musste ich dann einsehen, dass die Walze der Straßenverwaltung gehörte und sie nur aus sympathetischen Gründen an der Hausbaustelle geparkt worden war.

Ein stiller Rosenkrieg lässt sich beobachten: Seine aparte Frau schafft es, dem heißen Baustellenstaub, dem steinigen Schutt immer wieder ein paar Blumenwinkel abzugewinnen. So streben denn auch Kornraden, Gladiolen, Steinbrech, Stiefmütterchen, Rosen und Lupinien gen Himmel und verstehen es auf rührende Weise, den tektonischen Verwerfungen etwas Liebenswertes entgegenzusetzen. Auch ein Haustier hat sich eingefunden: Ein dicker oranger Kater, den ich, in Anlehnung an seinen Besitzer bzw. an seine Lieblingsruhestätte auf dem ausgeleierten Sofa, Kater Pillow nenne.

Da wollte nun auch der Hausherr seinen Teil zur Gemütlichkeit beitragen. Also staunt seit einigen Tagen der ganze Ort über die raumschiffartige Präsenz eines Kaffeeautomaten, der mit dem Rücken zur Hauswand gelehnt dasteht wie ein gestellter Räuber. Seine turbulent bedruckte Fassade wird von changierendem Neonlicht hinterleuchtet, das gespenstische Flecken auf die Nachbarhäuser projiziert. Man nimmt das mit der im Ort üblichen Gelassenheit als freundliche Kuriosität auf; offenbar bin ich der Einzige, der sich hin und wieder einen Becher süßbrauner Melasse runterlässt. Dann, zwischen zwei Scheibtruhenfuhren, nickt mir Caterpillar anerkennend zu: ”Nehmans den Tschokotschino! Ist eine Spezialmischung von mir! Unerreicht im Aroma!"

Weiter sind wir im Gespräch nicht gekommen, er steht vor einer schwierigen Bauphase und wenn alles klappt, kommen im August die ersten Pensionsgäste.

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Kommentare

  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.
  • Neues vom Nachbarn
    Mein Nachbar, der Baustellenkönig, ist so ein kleiner untersetzter Berserker, der vor keiner Anstrengung zurückscheut ....
  • Mein Nachbar, der Bauwüterich
    Er plackt und rackert gegen Feuchtigkeit, Fels und andere Widrigkeiten wie ein hellenistischer Tragöde. Im August wollte er einziehen.
  • Samurai und Futbolist
    Genug über Nachbarn gelästert. Ein jeder decke sein eigenes Dach, besann ich mich, also schnell jemand Geeigneten herbei! Somit vertraute ich mich der Treffsicherheit der Spirale an.
  • Wer ist das Kinderschokoladen-Kind?
    Es verfolgt uns in den Gängen des Supermarkts mit seinem penetranten Lächeln. Das Strahlen seiner blütenweißen Zähne blendet uns vor dem Schokoladenregal...
  • Bevor wir das Zeitliche segnen
    Alfred Korzybski war Pole, Amerikaner, Adeliger, Ingenieur und Linguist. Das war vor einiger Zeit, doch genau in dieser hat er auf ewig seinen Fußabdruck hinterlassen.
  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.

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