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Mein Nachbar, der Bauwüterich

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Mein mittelbarer Nachbar, heimlich nenne ich ihn den Caterpillar, ist so etwas wie ein abschreckendes Vorbild: Vorbildlich in seiner Arbeitswut und Hartnäckigkeit, abschreckend in seiner Arbeitswut und Hartnäckigkeit. Der untersetzte, bullige Mann mit der auf dem Haupte gebleichten Schirmkappe scheint jedes Mal, wenn er ausspuckt, einen Zahn zu verlieren. Sein ewig nackter Oberkörper ist gesprenkelt mit dieser Bräune, der man ansieht, dass sie von schwerer Arbeit bei jeglicher Witterung herrührt. Er ist ein Mann fürs Grobe. Sein Geld verdient er mit Dekomaterial für Haus und Garten: Säulen, Pilaster, Venusstatuen, Diskuswerfer, scheuende Pferde aus Kunststein.

Er hat in diesem Dorf ein unmögliches Haus erworben, ein wirklich scheußliches Gebäude, also geradezu folkloristisch in seiner zweistöckigen Glotzfenstrigkeit. Würfelig, hoffnungslos schlecht proportioniert, völlig erkaltet, wenn man von der Beschaulichkeit angemoosten Well-Eternits absieht. Es galt jahrelang als unverkäuflich. Der offensichtlich verzweifelte Immobilienmakler hatte zu Euphemismen unterster Schublade, wie "Bastlertraum", "Rarität", "romantische Hanglage" (unerwähnt die üblichen Drainageprobleme) und "Bauherrenmodell" gegriffen und stellte Eignungszwecke wie "Reitstall" und "Kleine, verträumte Pension am Lande" anheim. Schließlich gelangte das Anwesen zur Versteigerung. Rufpreis war halber Schätzwert. Nur mein Nachbar zeigte auf. "Im August ziehen wir ein", sagte der gute Mann eines Junimorgens mit eingestemmten Armen, während seine Frau sich ihrer winzigen Oase widmete, einem kleinen Beet mit Wicken, Sonnenblumen, Königskerzen und Stiefmütterchen, das sie dem schuttverwüsteten Boden abgerungen hatte. Schwere gelbe Baumaschinen waren dicht an dicht geparkt, allenthalben stapelten sich Thermoziegel und Isolierwolle, Folienrollen und Gummimatten. Mit wenigen Assistenten zusammen machte er alles selber: Drainagekanäle ziehen, Abwassertank eingraben (fast hätte er noch Felsmaterial sprengen müssen), Elektrik einziehen, Installationen vorbereiten, Mauern, Verputzen, Gerüstbau.

Jedes Mal, wenn ich auf dem Weg in mein kleines Bauernhaus vorbeifahre, winkt er mir zu, wobei er den Schwung der Handbewegung gleich in einen Kellenwurf, einen Schaufelstich oder zumindest in ein Schweißabwischen umzusetzen weiß. Oft steht er hoch oben auf der auskragenden Baggerschaufel, die ihm als variables Gerüst dient. Der August ist vergangen, danach September, Oktober, zuletzt sah ich ihn im November, da hatte er schon eine Jacke an. Vielleicht habe ich überhört, in welchem August er einzuziehen gedenkt. Das entkernte Hausgehäuse wirkt irgendwie unverändert. Ich erzähle all das mit höchstem Respekt (auch vor der Frau), denn schließlich ist das Bauen (oder schlimmer noch: Herrichten) eines Hauses mehr als Plackerei. Es ist eine schweißtreibende, zermürbende Abfolge von Niederlagen, Rückschlägen und zäh erarbeiteten Erfolgen.

Ich persönlich gehe mehr nach den Prinzipien des geschätzten Architekturfotografen Gerald Zugmann:

1. "Selber basteln? Das wird nichts. Ich bezahle lieber die Professionisten dafür, was sie können, mit dem Geld, das ich mit meiner Arbeit verdiene."

2. "Das Badezimmer ist ein Hund." (Damit bezeichnet er das bekannte und unvermeidliche Phänomen der Wirkung einer frisch renovierten Wohneinheit auf die übrigen Räume: Sie sehen plötzlich so schal und abgestoßen aus, dass man schließlich die ganze Wohnung umkrempelt – mit allen schrecklichen Folgen für Konto, Katze und Bequemlichkeit).

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Kommentare

  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.
  • Neues vom Nachbarn
    Mein Nachbar, der Baustellenkönig, ist so ein kleiner untersetzter Berserker, der vor keiner Anstrengung zurückscheut ....
  • Mein Nachbar, der Bauwüterich
    Er plackt und rackert gegen Feuchtigkeit, Fels und andere Widrigkeiten wie ein hellenistischer Tragöde. Im August wollte er einziehen.
  • Samurai und Futbolist
    Genug über Nachbarn gelästert. Ein jeder decke sein eigenes Dach, besann ich mich, also schnell jemand Geeigneten herbei! Somit vertraute ich mich der Treffsicherheit der Spirale an.
  • Who is the Best?
    Seit wann gibt es die Zahnbürste und was hat Dr. Best überhaupt mit ihr zu tun?
  • Etymologie der Würste
    Der Wiener Würstelstand - ein Sammelbecken für kuriose Gäste und noch viel kuriosere Fleischkombinationen!
  • Samurai und Futbolist
    Genug über Nachbarn gelästert. Ein jeder decke sein eigenes Dach, besann ich mich, also schnell jemand Geeigneten herbei! Somit vertraute ich mich der Treffsicherheit der Spirale an.

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