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Samurai und Futbolist

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Angespornt von der Leidensfähigkeit meines berserkerhaften Nachbarn, der sich zäh in seine erstaunlich fortschrittsarme Hausbaustelle verbissen hat, beschloss ich, einmal bei den eigenen Räumlichkeiten nachzusehen, was es denn zu kehren gäbe vor eigener Tür. Dabei fiel mir das Dach auf, oder was davon noch oben lag. Dazu musste ich (aus Sicherheitsgründen) nicht einmal vor das Haus gehen. Die feuchten Stellen, die braunen Schlieren an den gekalkten Deckenbohlen erzählten mir genug. Hatte ich mich schon jahrelang damit besänftigt, dass wohl fremde Katzen meinen strohgefüllten Dachboden zur öffentlichen Toilette erklärt hätten (was auch kein kleines Übel gewesen wäre), so musste ich schließlich eingestehen, dass es sich um kaltes klares Regenwasser handelte, das in meine Räume sickerte. Selbst aus dem Ofenrohr traten Tropfspuren. Es war so weit: Das Dach musste überstiegen werden. Aber nicht so nachlässig wie vor zehn Jahren.

Ein Mirek musste her. Ein Mirek ist die Maßeinheit für die kleinste einzelunternehmerisch konzessionierte Arbeitskraft, die man mit gutem Gewissen allein und selbstgenügsam walten lassen kann. Denn es gilt die Faustregel: Je mehr Dachdeckergesellen sich unbeaufsichtigt über dein Dach hermachen, desto mehr leere Charly-Weinbrandflaschen wirst du noch Jahre später im Heu finden. Und keine Rede von Dichtheit. Wenn ich recht zurückdenke, so war das Dach all die zweiundzwanzig Jahre, die ich das Haus besitze, in schlechtem Zustand gewesen. Also: Höchste Zeit für 1 Mirek!

Erst noch die Recherche. Wie findet man den idealen Dachdecker für ein mit alten Ziegeln gedecktes Anwesen? Man fährt so lange in logarithmischen Spiralen ums Haus, bis man ein vergleichbares Gebäude gefunden hat, das ein frisch überstiegenes Dach aufweist, genau so, wie man sich das vorgestellt hat. Nach etlichen Windungen meiner Suchspirale hatte ich das Gewünschte gefunden. Allerdings war ich bereits im befreundeten Nachbarland gelandet, immerhin noch in der EU-Zone. Die Oma des schön gedeckten, mit appetitlich weißen Dachmanschetten versehenen Häuschens verwies und an das Ende der Dorfstraße. Dort würden wir Mirek finden. Na also. Erst geschah lange gar nichts, dann öffnete eine resche Blondine. ”Mirek? Ah noo, der schlaafen. Miiirek!” Äugleinreibend, in eine ausgestorben geglaubten Art von Flanellpyjama gewandet, tritt Mirek ins Bild, etwas einen Meter sechzig groß, Mitte fünfzig, elegant gewelltes Haar. Ober er es wohl unter einer Schlafmütze konserviert, frage ich mich instinktiv. ”Dachgedeck? Nema Problem! Morgen fahren Baumark, alles besorg!” Auf dem Heimweg, nachdem wir einander ausgiebig zu dieser Entdeckung gratuliert hatten, fragte meine Frau, die als geborene Russin ein gewisses Auge für gewisse Dinge zu haben glaubt: ”Denkst du, er ist Alkoholiker?” ”Mirek? Aber nein. Er war nur etwas verschlafen.” ”Um drei Uhr nachmittags?” ”Die beste Zeit für ein Mittagsschläfchen”, wandte ich wissend ein.

Der nächste Tag verlief bestens. Wir kauften beherzt ein, aber ich merkte an Mireks Ungeduld: irgendwas fehlte noch. Mit sparsamen Gesten und Worten erklärte er mir: ”Hostan Granat. Nur Dezi Perzent.” Seltsam, wie man manchmal das Wesentliche erfasst, ohne nur ein einziges Wort zu verstehen. Mit quietschenden Reifen bog ich zum örtlichen Feinkostladen ab, um eine Kiste lokalen Bieres der Marke Hostan, alkoholleichte Version, zu den übrigen Baumaterialien auf die Ladefläche meines Pickup zu hieven. Mirek schaute ganz vergnügt in die Welt, als ginge ihn das alles nichts weiter an. Nächsten Tags, um halb sieben Uhr morgens, hörte ich Gerappel und Gescharre. Mirek war dabei, seine Baustelle einzurichten. Er tat dies mit großer Akribie und professioneller Geläufigkeit. Nicht nur mein Garten, auch er hatte sich markant verändert. Mit seiner Arbeitskleidung, den genoppten Sportschuhen, den Knieschonern aus zerschnittenen Autoreifen und dem Stirnband sah er aus wie ein kleiner Samurai. Er betrachtete das anders: ”Futbolist!“ grinste er. Und dass er die ideale Größe und Gewichtung habe für einen Dachdecker. ”Nix brech zusamm Dach.” Jetzt erst verstand ich Sinn und Konstruktion der selbstgefertigten Holzleitern, die er an sechs Punkten mit einer Mischung aus Stoff und Schaumgummi umwickelt hatte. Sie waren so ausgeklügelt konstruiert, dass sich zusammen mit dem Gewicht von 1 Mirek der ideale Reibwert ergab. Somit konnte er die Leitern einfach auf die Dachschräge legen, ohne abzurutschen. Mein Respekt vor Mirek wuchs mit jedem Meter, den er sich in luftige Höhen schob. Wie es nach alledem dazu kam, dass meine Speisekammer plötzlich knallrosa war, dafür finde ich die geeigneten Worte allerdings erst in der kommenden Ausgabe.

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Kommentare

  • Wahrscheinlich Ponyhof
    Über energetisch geforderte Orchideen und die musikalische Spannkraft von Russischer Zeder.
  • Neues vom Nachbarn
    Mein Nachbar, der Baustellenkönig, ist so ein kleiner untersetzter Berserker, der vor keiner Anstrengung zurückscheut ....
  • Mein Nachbar, der Bauwüterich
    Er plackt und rackert gegen Feuchtigkeit, Fels und andere Widrigkeiten wie ein hellenistischer Tragöde. Im August wollte er einziehen.
  • Samurai und Futbolist
    Genug über Nachbarn gelästert. Ein jeder decke sein eigenes Dach, besann ich mich, also schnell jemand Geeigneten herbei! Somit vertraute ich mich der Treffsicherheit der Spirale an.
  • Who is the Best?
    Seit wann gibt es die Zahnbürste und was hat Dr. Best überhaupt mit ihr zu tun?
  • Etymologie der Würste
    Der Wiener Würstelstand - ein Sammelbecken für kuriose Gäste und noch viel kuriosere Fleischkombinationen!
  • Mein Nachbar, der Bauwüterich
    Er plackt und rackert gegen Feuchtigkeit, Fels und andere Widrigkeiten wie ein hellenistischer Tragöde. Im August wollte er einziehen.

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