a Project by ModernTimesMedia

 

my-story.com

Wiener Typen

zurück zur Übersicht

Das Problem für jeden Wiener: man kann es in Wien nicht aushalten, aber woanders auch nicht. Das hat Helmut Qualtinger gesagt und ich habe mich daran erinnert, als ich vor kurzem mein Wien für ein paar Tage gegen Berlin getauscht habe. So drastisch wie die Gefühle des Herrn Qualtinger waren die meinigen zwar nicht und ich könnte es mir ohne Zweifel auch eine längere Weile in Berlin gut gehen lassen. Doch schlich sich nach meiner Rückkehr ganz heimlich still und leise eine Stimmung ein, die sich als Light-Version des obigen Zitates entpuppte. Noch voll von einer gewissen Begeisterung, ob all der wunderbaren Dinge, die einem die Berliner Stadt ermöglicht, die der Wiener Stadt hingegen fehlen, flammte ein Hauch von „ich halt es hier nicht aus“ auf. Doch Wien ist wehrhaft und holte zum Schlag gegen die nördliche Hauptstadtskollegin aus. Und wo könnte diese Stadt einen sichereren Sieg erlangen, als auf dem Gebiet ihrer unverwechselbaren Einwohner? Hiermit sind selbstverständlich nicht jene Zugezogenen gemeint, die nach und nach an ihrem Wiener Status bauen und meißeln, durch deren Verputz aber selbst nach Jahren noch der eigentliche Ort ihrer Herkunft durchschimmert. Nein, nein, hier spreche ich von jenen Exemplaren, in deren Venen schon von Geburt an das Wiener Blut pulsiert. Und an der Vene einer eben solchen hatte ich das Glück, direkt nach meiner Rückkehr aus der Bundesrepublik, für einen Moment lang Vampir zu sein. Sie präsentierte sich mir am Eingang zur Praterstern-Station zu genau jener teuflischen Stunde, in der die erste U-Bahn zwar noch fern ist, jedoch so nah, dass sich ein Taxi zu bezahlen nicht mehr lohnt. Ablenkungen zu dieser meistens im Delirium verbrachten Stunde sind bei jedermann willkommen, daher war ich besonders stolz und glücklich, dass gerade ich von der kleinen etwa 50 jährigen Dame am anderen Ende des Pizzastandes auserwählt wurde. Unter Lachen steuerte sie auf mich zu, entschuldigte sich für ihr Stören, was ich mit einem ermunternden Zunicken abtat und schlug daraufhin verbal das Buch ihrer Anekdoten auf. Neulich in der Trafik, hätten sich zwei Pupperl vorgedrängt, woraufhin die beiden Jungspunde von der Dame zurechtgewiesen wurden. Minuten darauf standen die Mädchen hinter meiner Gesprächspartnerin auf der Rolltreppe und meinten provokant, dass die alte Schachtel einmal die Stiegen hinunter gestoßen werden sollte. Nicht auf den Mund gefallen, wie sie mir mit einem breiten Lächeln berichtete, drehte sie sich aber um und meinte: „Herst, es zwa futerl, wenn i eich stoß, dann habts a schenes muster im gesicht! Oiso, gibt’s a problem?“ Wie hätte das wohl eine Berlinerin erzählt? Wahrscheinlich auch interessant, aber bestimmt nicht so schön wie meine Wienerin!

Sign up

oder einloggen, um alle Features zu nutzen.

Kommentare

  • Sicher Sacher?
    Die Karriere von Österreichs berühmtester Mehlspeise macht nicht einmal vor des Richters Toren halt...
  • Etymologie der Würste
    Der Wiener Würstelstand - ein Sammelbecken für kuriose Gäste und noch viel kuriosere Fleischkombinationen!
  • Wiener Typen
    Das Problem für jeden Wiener: man kann es in Wien nicht aushalten, aber woanders auch nicht.
  • Who is the Best?
    Seit wann gibt es die Zahnbürste und was hat Dr. Best überhaupt mit ihr zu tun?
  • Etymologie der Würste
    Der Wiener Würstelstand - ein Sammelbecken für kuriose Gäste und noch viel kuriosere Fleischkombinationen!
  • Mein Nachbar, der Bauwüterich
    Er plackt und rackert gegen Feuchtigkeit, Fels und andere Widrigkeiten wie ein hellenistischer Tragöde. Im August wollte er einziehen.

Spread the Word

Bookmark and Share

 

Passwort vergessen | Neuanmeldung